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8.4. DIE BIBLIOTHEK ALS WISSENSCHAFTLICHES INSTRUMENT 425
8.4.3. Das Allgemeine und das Spezielle
Wie Walter Neuhauser erwähnt, sollten sich die Spannungen zwischen Uni-
versität und Bibliothek auch noch in den folgenden Jahrzehnten regelmäßig
wiederholen.118 Vordergründig erscheint der Konflikt daraus zu resultieren,
dass die Bibliothek ihre Unabhängigkeit bewahren, die Universität im Ge-
gensatz dazu ihre Einflussnahme stärken wollte. Im Hintergrund scheint
jedoch auch ein anderes Spannungsverhältnis die Beziehungen beeinflusst
zu haben. Während nämlich die Professoren zunehmend zu Spezialisten ih-
rer Disziplin und ihres Faches wurden, sollte der Bibliothekar ein Spezialist
des Allgemeinen bleiben bzw. werden.119 Scherer meinte in dieser Hinsicht
symptomatisch auch, der Bibliothekar hat „für Erhaltung aller Fächer zu
sorgen, er darf kein Fach vorzüglich begünstigen“120. Daher wollte er auch
„den immer mehr erwachenden Sonderstreben einzelner Fächer und Zweige
des Wissens über andere“121 entgegentreten und betrachtete deshalb auch
jüngere Publikationsformen wie Zeitschriften und Monografien kritisch. Mit
seiner Anschaffungspolitik wollte er daher dafür sorgen, „über dem Beson-
deren das Allgemeine der Wissenschaft nicht zu weit aus dem Auge zu ver-
lieren.“122
In einem gewissen Sinn verkörperte damit der Bibliothekar auch das alte
System der philosophischen Fakultät oder das eines Studium Generale, die
beide auf Grundlegung eines möglichst breiten Wissens abzielten. Wurde
mit der Thun-Hohenstein’schen Reform das allgemeinbildende Element der
philosophischen Fakultät zugunsten einer disziplinären Entwicklung aufge-
geben, wurde im Gegenzug bei den Bibliothekaren daran festgehalten. Als
die erste und wesentliche Anforderung für Bibliothekare, die im Übrigen
auch zusehends Akademiker waren, sollten die Kandidaten neben Sprach-
kenntnissen auch Kenntnisse in der „Enzyklopaedie der Wissenschaften“
vorweisen können.123 Gleichzeitig fand allerdings auch auf der Ebene der Bi-
118 neuHauser, Am Anfang stand die Biblioteca publica (Oenipontana), S. 195.
119 Vgl. auch Uwe JocHum, Die Idole der Bibliothekare, Würzburg 1995, S. 21; Jochum, Kleine
Bibliotheksgeschichte, S. 120–122. Vgl. auch die Kritik des Bibliothekars Eduard Kögeler
an den Anschaffungswünschen des Professors Zingerle für Werke eines Fachs, das „ziem-
lich isoliert“ stehe. Vgl. Stellungnahme zum Gesuch von Zingerle, Innsbruck 09.07.1862,
Statthalterei Studien 17180 ad 15869/1862, Tiroler Landesarchiv.
120 Scherer an die Statthalterei, Innsbruck 24.12.1856, Statthalterei Studien 24188 ad
7602/1856, Tiroler Landesarchiv.
121 Ebenda.
122 Scherer an die Statthalterei, Innsbruck 24.12.1856, Statthalterei Studien 24188 ad
7602/1856, Tiroler Landesarchiv.
123 Vgl. den „Entwurf einer Vorschrift über die Prüfung der Candidaten des Bibliotheksdiens-
tes“ vom 30. 12.1860, § 3 und 4. Abgedruckt in frankfurter, Die Qualification für den
staatlichen Bibliotheksdienst in Österreich, S. 27–31.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Title
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Subtitle
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Author
- Christof Aichner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 512
- Keywords
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen