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SCHLUSS446
lung für Anliegen der Universität ersucht wurde auch Josef Fessler.
Die Untersuchung von Thuns Personalpolitik offenbart dessen weit ver-
zweigtes Netzwerk, das er sich im Laufe seiner Amtszeit aufgebaut hat.
Die Analyse verdeutlicht dabei auch, dass er sich seine Berater vor allem
im katholischen, teils ultramontanen Milieu suchte. Sein Netzwerk um-
fasste zahlreiche Exponenten der katholischen Laienbewegung, aber auch
zahlreiche hochrangige Geistliche. Dass sich erst nach Thuns Rücktritt das
eigentlich bereits 1848 festgeschriebene Selbstrekrutierungsrecht der Pro-
fessoren durchsetzte, verdeutlichen die Untersuchungen Jan Surmans, der
auch die Professorenernennungen zwischen 1860 und 1918 analysiert hat.
Gemäß seiner Forschung wurde in dieser Zeit bei 501 Ernennungen in 58 %
der Fälle der im Dreiervorschlag erstgereihte Professor ernannt, ein Wert
der – ohne einen Prozentsatz zu nennen aber mit Hinweis auf die Untersu-
chung der Personalpolitik in Innsbruck – für die Ära Thun undenkbar ist.54
Thun betrieb eine aktive Wissenschaftspolitik und lag damit durchaus
auf einer Linie mit bildungspolitischen Auffassungen der Zeit, die staatliche
Eingriffe in die Universitäten bzw. allgemein in das Bildungssystem als not-
wendig für die Entwicklung dieses Bereichs betrachteten.55 Dem gegenüber
steht freilich die gezielte Bevorzugung gewisser Gruppen bei der Personal-
politik, die das negative Image dieser Vorgehensweise erklären. Außerdem
speist sich die negative Beurteilung von Thuns Politik eben auch aus der
Forderung nach universitärer Autonomie, die nach 1945 erhoben worden ist
und in der auch maßgeblich das Bild von Thun geprägt worden ist.
Die Ministerzeit Thuns bedeutete einen Generationenwechsel innerhalb
der Professorenschaft der Innsbrucker Universität. Am Ende von Thuns Mi-
nisterschaft waren lediglich drei Professoren noch in Innsbruck tätig, die
auch schon zu Beginn von dessen Amtszeit dort gewirkt hatten. Zahlreiche
ältere Professoren wurden in den Ruhestand versetzt oder erhielten den Ruf
an eine andere Universität. Ihnen folgten meist junge Professoren nach, für
die es in der überwiegenden Zahl der erste Ruf an einen Lehrstuhl war. In
diesem Sinn kann man mit Marita Baumgarten56 in der Ära Thun von ei-
ner Einstiegsuniversität sprechen, die als Stätte der Qualifikation betrach-
tet werden kann.57 Dies verdeutlicht auch das Gehaltsschema, in welchem
Innsbruck mit anderen Universitäten der Monarchie an unterster Stelle
54 Siehe surman, Habsburg Universities 1848–1918, S. 219.
55 Vgl. dazu sing, Die Wissenschaftspolitik Maximilians II. von Bayern (1848–1864), S. 65–
69.
56 Baumgarten, Professoren und Universitäten im 19. Jahrhundert.
57 Vgl. zuletzt auch surman, Habsburg Universities 1848–1918, S. 245–257.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Title
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Subtitle
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Author
- Christof Aichner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 512
- Keywords
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen