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rangierte. Allerdings, und das zeigt Jan Surman in seiner Dissertation58,
kann dieses Modell von Baumgarten nicht einfach auf Österreich umgelegt
werden. Lässt sich für die Zeit bis 1867 noch eine gewisse gesamtstaatliche
Fluktuation zwischen den Universitäten erkennen, der auch dem Versuch
der Etablierung eines gesamtstaatlichen, verbindenden Wissenschafts-
raums geschuldet war, verschob sich die wissenschaftliche Topographie
nach 1867 und der Etablierung von nicht-deutschsprachigen Universitäten
zunehmend. Surman zeigt das besonders für die Universitäten Galiziens,
die sich – der gemeinsamen Sprache geschuldet – nun auch gegenüber Wis-
senschaftlern aus Russland (Polen) öffneten und sich so auch von den übri-
gen Universitäten der Monarchie abgrenzten. Außerdem weist Surman auf
die Eigenheit der medizinischen Fakultäten hin, bei denen die Mobilität nur
eingeschränkt vorhanden war. Daneben lässt sich zumindest in drei Fällen
(Kopetzky, Małecki, Zielonacki) Innsbruck gewissermaßen als Verbannungs-
ort beschreiben. Kopetzky empfand dies selbst so, nachdem er seine Stelle in
Olmütz verloren hatte, als die dortige Universität geschlossen worden war.
Die beiden anderen Professoren sollten, nachdem sie wegen angeblicher pol-
nischer und anti-habsburgischer Propaganda ihre Stelle an der Universität
Krakau verloren hatten, in Innsbruck rehabilitiert werden.
Die Ära Thun bedeutete eine Differenzierung im Fächerkanon sowohl an
der juridischen als auch an der philosophischen Fakultät. Im Hinblick auf
Erstere kann die Etablierung der historischen Methode und die damit ver-
bundene Einführung der deutschen Reichs- und Rechtsgeschichte bzw. die
Stärkung des Römischen Rechts genannt werden. An der philosophischen
Fakultät wurden vor allem die philologischen Disziplinen neu verankert und
damit die Möglichkeit einer folgenden Differenzierung in diesem Bereich
geschaffen. Gerade die Lehre der deutschen und italienischen Sprache ver-
deutlichte dabei den Trend zu einer Verwissenschaftlichung dieser Fächer
und eine Abkehr von der Vermittlung von Sprachkenntnissen. Ähnliches
galt für die Pharmazie, die in den Rang eines Universitätsstudiums gehoben
wurde. Besonders durch die finanziellen Begrenzungen, die die Haushalts-
politik der Monarchie mit sich brachten, dauerte der Ausbau und die rasche
Differenzierung der Disziplinen in Innsbruck allerdings länger als an ande-
ren Universitäten, was erneut Innsbrucks Position als kleine Universität der
Monarchie unterstreicht.
Die Personalpolitik Thuns zeitigte zwar auch in Innsbruck einen wissen-
schaftlichen Aufschwung, und einige Professoren, die er berufen hatte, wirk-
ten sehr erfolgreich und lange in Innsbruck – das gilt besonders für die phi-
58 Ebenda. Vgl. jüngst und für das Beispiel der Universität Wien: surman, Vom „akademi-
schen Altersheim“.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Title
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Subtitle
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Author
- Christof Aichner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 512
- Keywords
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen