Page - 75 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
Image of the Page - 75 -
Text of the Page - 75 -
Wanderungen im lande der wenden. 75
schutzlos in den Wäldern. Bei Pettau wurde sie von den gräflichen Spähern aufgegriffen. Der Altgraf wollte sie
als Hexe verurtheilen lassen, die das Herz seines Sohnes verblendet und vergiftet habe, aber die Richter gingen
nicht darauf ein, und so blieb dem Tyrannen nichts übrig, als seine Schwiegertochter selbst aus dem Leben zu
schaffen. In seinem Schlosse Osterwitz, wo sie nach der Chronik lange „ungessen, und ungetrunken" lag, wurde sie
im Vade erstickt.
Derlei erzählt sich die böse Welt freilich lieber, als die vielen Verdienste, die sich die Cillicr um Land und
Staat erworben hatten, und wofür Friedrich von Cilli, Veronikas Gatte, gefürstet wurde. Von nun an übten die
Cillier fürstliche Gewalt iu ihrem Gebiete und schrieben sich „Von Gottes Gnaden". Bald jedoch gab es Fehden
zwischen den Cillicrn und dem Landesfürstcn und den Mächtigen von Oesterreich, Ungarn und Böhmen, bis eines
Tages Ulrich von Cilli, „ein Recke mit blutunterlaufenen Augen, wollüstig und ohne Treu und Glauben, ein Heuchler
und Betrüger, würdig seiner Tante, der Kaiserin Barbara", von seinem Feinde, dem Ungarn Ladislaus Hunyady
im Zweikampf ermordet wurde. Das war der letzte Cillier; das Land wurde von nun als windische Mark zu
Oesterreich geschlagen. — Das düstere Denkmal dieses düsteren Geschlechtes, die Burg Ober-Cilli, hat in neuester Zeit
die steirischc Landschaft käuflich an sich gebracht.
Weitere Merkwürdigkeiten hat Cilli nicht, man müßte nnr des „Wasserthors" gedenken, das so wunderbar
akustisch gebaut ist, daß ein an der einen Ecke geflüstertes Wort dem an der andern Ecke Horchenden als schallende
Rede ertönt. — Wir wollen uns nun aber nach all den Anstrengungen auf unserer Wanderung durch Wildnisse
in Natur und Geschichte in einem guten Hotel dieser Stadt einmal gründlich gut thun, um hernach mit der Südbahn
unsere Sann bis zur Grenze und ihren Eintritt in die Save zu begleiten.
An den cngzusammcngctrctenen Bergen, die oft kaum Fluß, Eisenbahn und Straße zwischen sich durchlassen,
grünen dichte Buchenwälder. Wir kommen zum Markte Tllffer, in welchem an Kirche und Pfarrhof die Templer
zu verspüren sind. Dem hübsch angelegten Bade Tüffer folgt bald die Station Römerbad, stets von vielen Sommer-
gästen besucht. Dieses Warmbad haben schon die Römer genossen, wie zwei Inschriften verkünden. Eine kleine
Stunde unter Römcrbad gelangen wir zu den ungeheuren Schuttmassen des gewaltigen Bergsturzes, welcher sich am
15. und 18. Januar 1877 ereignet hat. Vom Berge Plesche nieder, ,links an der Eisenbahn, lösten sich in der
thauenden Wintcrnacht große Erdmassen und begruben drei Bauernhäuscr und zwölf Menschen. Ich habe die
Katastrophe von einem dabei betheiligten Deutschen folgendermaßen erzählen gehört: „Gegen vier Uhr in der Nacht
mags gewesen sein, da weckt mich ein Fensterklirren. Na, denk' ich, Lumpen, jetzt werfen sie mir die Fenster ein.
Aber gleich sehe ich, wie mir Steine und Erden in die Stube fahren und das ganze Häusel kracht. Jesus, denk'
ich, was ist das? Lauf' hinaus und hör' das Brausen vom Berg herab. Leut', schrei ich zum Nachbar hinein,
laufts geschwind aus! was es ist, das weiß ich nicht, aber es fallen die Häuser um, das obere Haus ist schon weg. —
Gleich fahren sie aus dem Schlaf. Nach dem Gewand greifen ist allzuspät, mit dem nackten Leben springen wir in
die finstere Nacht hinaus. Da krachts hinter uns, daß es ein Graus ist. — Sonst weiß ich selber nichts. Und
wie wirs beim Licht anschauen, sehen wir, 's ist alles hin, kein Haus und keine Maus ist davongekommen. Gemeint
hab' -ich hell, der jüngste Tag ist da. — Seit etlichen Monaten ist der Brunnen ausgeblieben da oben an der Lehn;
und dieses Wasser, sagen sie, hätte den Berg aufgeweicht. — Aber warum ist der Brunnen ausgeblieben? Weil
eine alte Bettlerin ins Dorf gekommen ist, der man einen frischen Trunk Wasser abgeschlagen hat, um den sie
gebeten. Deswegen das Unglück."
So der erste Sturz. Mit dem Ausgraben der Unglücklichen beschäftigt, wurden die Leute aber von neuen
ungeheuren Bergmasscn überrascht, welche von der steilen Mulde niederbrausten, Straße und Eisenbahn zerstörten nnd der
tobenden Sann den Lauf verlegten. Sogleich hub sich ein großer See zu bilden an, der bis Römerbad zu wachsen
drohte und Häuser und Fabriken unter Wasser setzte. Nach einer vielstüudigen, angestrengten Arbeit gelang es dem
herbeigeholten Militär, den Schuttwall durchzustechen. Wochenlang arbeiteten Hunderte an der Regulirung des Flusses,
back to the
book Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten"
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918