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Wanderungen im 3ande der wenden.
dem stellt sich eine wilddurchfurchtc Kalkwand entgegen — der Donatibcrg. Und wer in einer Buchenlaube des
Bades Sauerbrunn ruht, dem bangt anfangs vielleicht vor der wilden schreckhaft scharfen Spitze, die ganz nahe dort
wie ein ungeheurer Römcrfpecr in den Himmel hincinsticht. Aber er wird — ist er ein Fremder — bald fragen,
ob diese seltsame, grünbcwachscnc Pyramide denn nicht besteigbar ist, und man wird ihm zur Antwort geben:
„Nichts leichter als das."
Der Aufstieg ist in der That leicht. Zwifchen Garten- nnd Wiescnwegen, bevor man zum eigentlichen Berg
kommt, der so wild aussieht, gehts noch am steilsten. Von der Einsattlung, die den Berg westlich mit dem Wotsch
verbindet, geht der Steig in neunzehn Schlangcnwindungen durch den herrlicheil Buchenwald empör. Der Charakter
des Urwaldes. Die nordische Tanne ist hier fremd, sie würde unter den hundertfältigen Umarmungen des Laubgehölzcs
ersticken, 's ist ein wildes Geschlecht, dieses Laubholz, wenn es nicht erzogen wird. Wie die Bäume hier wachsen,
so stehen sie in ihren riesigen, oft abenteuerlichen Gestalten da; wie sie altersinorsch zusammenbrechen, so liegen die
wuchtigsten Strünte hingeworfeil am steilen Hang. Und wenn tief unter den Füßen des Wanderers der Wind in
den Krollen braust, so ist es zu hören, wie das Tosen des Meeres. Die Flora des Donatibcrgs ist reich an seltenen
Pflanzen, seine Vogclwelt eine überaus lebendige. Dort in der Buchenkronc der Sperber, auf der Felskante der
Thurmfalke, in jener hohlen Eiche der Steinkauz, die Dohle und die Elster nicht weit, sogar Meister Specht, der
Zimmermann, hackt im Gcstämmc, dann die Finken, die Ammern, Lerchen, Meisen und Drosseln; der kleinwinzige
Zaunkönig, die niedliche Grasmücke und die gefeierte Primadonna Nachtigall. Und das flatterhafte Volk der Wild-
tauben und Waldhühner und so fort in den Reihen, die den Donatibcrg nmschwirrcn, umjubcln, umkrcischcn —
verfolgend und verfolgt — die meisten beneidet von den Menschen, die welligsten sich ungetrübt freuend an ihrem
Vogeldascin im grünen Walde. Alis die geologischen Zustände habe ich mich nirgends eingelassen, weil ich mit dein
Manne im Evangelium wohl gestehen mnß: graben kann ich nicht und zu betteln schäme ich mich, lind ich nicht
auch noch unter der Erde das thun will, was im rosigen Lichte nicht ausbleibt, nämlich erzählen, was Andere gesehen,
behaupten, was Andere erforscht haben. Doch mag ich wohl
sagen, daß auch der Geologe auf dem Donatiberg seine Rech-
nung finden wird.
Auf der Höhe des Berges, wo einst der Heidentempel
und dann das Ehristenkirchlcin gestanden war, erhebt sich
heute das alpine Wahrzeichen der Touristcnwelt, die auf drei
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918