Page - 79 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Wanderungen im Tande der wenden. ?s,
Heute ragen auf dem Berge ein paar kahle Felsen uud das Triangulirungszcichen. Aber wer bei günstigem
hellem Wetter dort oben steht, dem ist zu gratulireu. Er sieht vom Donatibcrg aus den fünfzehntausendstcn Theil
der ganzen Erdoberfläche. Im Süden sieht er grüne Thäler und blauende Waldbergc: im Osten Ebene; in: Westen
Hochgebirge; im Norden Urgcbirgc, vor welchem sich das mittclstcirischc Hügelland nnd das große Dreieck der Pctauer-
ebene dehnt. Das zur Orientirung, und nun wollen wir das Land ein wenig näher betrachten. — Im Süden
also waldbedccktc Höhen und Berge, welche sich durch mllcgialcs Entgegenkommen und Händcreichcn in einander
verschlingen. In der Nähe unten haben wir den Markt Rohitsch; Sauerbrunn aber duckt sich entweder aus Be-
scheidenheit oder Behaglichkeit in die grünen Polster seiner buschigen Hügel. Rückwärts dehnt sich die Hochebene von
Barneck nnd das liebliche Thal St. Marcin mit seiner großen Wallfahrtskirche und der Hciligcnsticgc, auf welcher
mancher Pilger bis zn der hochgelegenen Ruchuskapclle knieend hinaufsteigt. Man sieht die Berge von Tüffer nnd
Steindruck und der Blick schwimmt über das blaue Wellenmecr der kraincrischcn Höhen, bis er in weitester Ferne
hängen bleibt an der weißen Narbe des Schnccbcrgs am Karst. Dann die Waldhänge von Reichcnburg, dessen
Schlösser einst zwei feindliche Brüder bewohnten, die in einem und demselben Momente ihr Feuerrohr gegen einander
richteten, gleichzeitig abschössen und sich gegenseitig tödteten. Ihre Schädel werden noch heute in einer Nische der
dortigen Schloßkapcllc aufbewahrt und gezeigt. Wenn man ihre Gcsichtsscitcn einander zukehrt, so wenden sie sich
in der Nacht wieder auseinander. — Nicht weit davon liegt das Schloß Thurn am Hart, die Heimat und Ruhe-
stätte Anastasius Grün's. Näher erscheinen die forstrcichcn Berge von Lichtenwald, das breit aufgebaute Wacher-
gcbirgc, und so weiter in vielfachen Ketten, stets übersäet mit den schimmernden Punkten von Kirchen und Schlössern.
Wenden wir uns gegen Osten, so stoßt der Blick an die Berge von Agram nnd fliegt hin über die frucht-
baren Ebenen Kroatiens — fort ins Weite, bis hinab zu den blauen Höhen an der Glima und dem Kapcllagcbirgc
in Dalmaticn — den Wächtern an der türkischen Grenze'^'). Die Vorparticn dieses seltsamen Flachbildcs liegen
im Gebiete der Feste Teschcnitz, der Heimat jener Vcronia von Teschcnitz, deren Schicksal wir im alten Cillicrschlosse
betrachtet haben.
Weiter hin breitet sich Saguricn, das Land hinter den Bergen, die sogenannte kroatische Schweiz mit ihren
Saatfeldern, Triften, üppigen Wein- und Obstgärten, riesigen Eichen-, Buchen- und echten Kastanicnwäldcrn, Heil-
quellen — ein reiches Land voll geselliger, gastlicher Bewohner, die keinen Wein ausführen, sondern den Fremden in
ihrem eigenen Lande damit bewirthen.
Kehren wir uns allmälig dem Norden zu, dem Hügclgclände zwischen der Wotschkctte mit unserem Berg und
dem Pettaucrfclde. Schöne Höhen; und nach Süden wenden die meisten ihre Weingärten zn, während sie gegen
Norden die Pelzmäntel ihrer Buchenwälder drehen. Es ist das steirisch-wcndische Ländchcn der „Kuloser" — vielleicht
nach dem römischen Colis (Hügel — Hügclbcwohner). Die Koluscr sind ein lustig Völklcin, lieben Wein, Weib und
Gesang. Sind aber genügsam bei Bohnen nnd Kartoffeln und mit ihren, gewöhnlich nnr aus weißer Leinwand
bestehenden Kleidern. Haben sie was, so verlegen sie sich nicht sonderlich aufs Sparen, so daß ein Volkswurt von
den Kolosern sagt: Auf dem Hinweg schälen sie die Acpfel und auf dem Rückweg suchen und essen sie die Schalen.
— Keine geschlossenen Dörfer, sondern nur einzeln stehende Gehöfte und Winzcrhäuser schmücken die engen Thäler
und sonnigen Lehnen — im Halbkreise ihrer vier Pfarrkirchen St. Nikolaus, St. Barbara, St. Andre nnd Drei-
faltigkcit. Darüber hinaus hinter dein Draufluß verzweigen sich die berühmten Weinberge von Kcrschbach, Jerusalem
und Luttenbrrg. Dort am schimmernden Baude der Dräu das hochragende Schloß Ankenstein; dort sich an die
Rebenhügcl schmiegend, Dornan, Eigenthum der Familie Ancrspcrg — ein Lieblingsaufeuthalt Anastasius Grün's.
Dort die Thürme von Großsonntag, nw l.'ilH am Ostcrsonntagc die deutschen Ordensritter über die Türken einen Sieg
erfochten haben. Und zwischen hin zieht der hoch den Dolomiten entsprungene Fluß in die Ebenen Ungarns hinan-?,
! ,'',ur Feit, als dieses geschrieben wurde, log Bosnien noch unter türtischer Herrschaft, Der Verf.
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918