Page - 86 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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H/7 Steiermark.
erblickt man über dein Hügellandc die blauende Kante der Nicgcrsburg scharf in die Lnft ragen. Aber je naher nia»
kommt, desto mehr scheint der Fels an Höhe zn verlieren, und der Markt Ricgcrsbcrg klettert an eiuer Seite >veit hinauf,
fast bis zu dem ersten der fieben Thore. Die Kirche mit einigen schönen Bildern nnd Grabmälern steht auf halber
Bergcshöhc. Nach einem aufgefundenen Römcrstein war die Fclscnburg schon von den Römern befestigt; die Wogen
der Völkerwanderung mögen an dieser Feste wild aufgezischt haben. Im dreizehnten Jahrhundert war sie das treue
Asyl der Agnes von Mcran, Gemahlin des letzten Babcnbergcrs. Eigentlich zwei Burgen ragen mit all ihren Gebäuden
wie eine kleine Stadt auf dem Fclfenberg; Lichtcnegg heißt die eine, Kronegg die andere. Sie soll einst zweien feind-
lichen Brüdern gehört haben, wovon der Lichtcncggcr dem Kroneggcr den Ausgang verweigerte, so daß letzterer in der
hohen, fast senkrechten Wand einen Steig nach dem Thalc aushauen lassen mußte, der heute noch zu sehen ist. In
ihrer jetzigen Gestalt wurde die Burg 1613 von der Freiin Elisabeth von Galler, genannt die schlimme Liesel,
vollendet. Gefangene Türken mußten die Steine herbeischaffen und die Mauern aufführen zum Schutzwall gegeu ihre
Landslcnte. Tic „Gallcrin" war eine gar resolute Frau, hatte den Bau selbst geleitet, dann aber auch eingestanden
uud schriftlich auf der Burg hinterlassen, daß das „panen fil kost".
Ein breiter, durch die Felsen gebrochener Fahrweg führt dnrch die sieben Thore, deren drei erste zur allge-
meinen Befestigung dienten. Das vierte führt znr besonderen Abtheilung Lichtencgg, deren Stelle jetzt zwischen
Trümmern ein Küchcngartcn einnimmt. Ueber gewaltige Zugbrücken kommt man zu dem mit Wappen reich verzierte»
sechsten nnd siebenten Thor, durch welche man in das noch bewohnte hundertfcnsterigc Schluß Kronegg gelangt. In
eine»! der Höfe findet sich ein tiefer Ziehbrunnen, der mit einem reichverzierten, eisernen Bugen überspannt ist, auf
welchen der Pförtner jeden Fremden aufmerksam macht und ihu einladet, mit den Angen das Hufeisen zu suchen,
welches zwischen dem eisernen Schling- und Blätterwcrkc angebracht ist und das Zcicheu sein soll, daß ein Hufschmied
mit freier Hand diese kunstvolle Arbeit hergestellt hat. Eine Rüstkammer, reich an alten Waffen, ein großer Rittersaal
mit alten Bildnissen bietet Interessantes. Im Rittcrsaalc erzählt eine Inschrift: „Ano U>^.'> denn <>. April hat
fich das Sanfen angehebt und alle Tag ein Rausch geben bis auf deu ^6. dctto." Im Rittersaalc prangt auch
das anmnthigc Bild der „Herc von Riegersburg", welche zu Feldbach verbrannt worden ist, weil sie, wie nnser
Schloßwart erzählt, im Winter frische Blumen gehabt hatte. — Wem derlei Erinnerungen nicht behagen, der blicke
zu den Fenstern hinaus in die liebe, freundliche Natur. Er übersieht von diesem nnr 1 .'>! 7, Fuß huhen Felsenberg
einen Flächenraum von hundert Gcvicrtineilcn, nnd aus jeder Fensterreihe eine andere Weltgegend.
Das Bild dieser herrlichen Burg erinnert in etwas an Huchusterwitz in Kärnten, aber die Riegrrsbnrg ist
gewaltiger als jene. Gegenwärtig gehört fic dein Fürsten Franz v. Lichtenstein, der sie der kostbarsten Einrichtungen
gebüßt hat, um sein Lieblingsschluß Hullencgg damit zn schmücken.
In dieser Gegend nnd besonders gegen Fürstenfeld, Hartbcrg nnd Pellau hin liegen zahlreiche Pesthügcl,
findet sich manches Denkmal ans der drangvollen Türkenzeit. Aber die Bewohner sind nichts destowcniger fröhlich.
Es ist ein kräftiger, bildungsfähiger Menschenschlag. Rohhcit oder Gewaltthätigkeit kommt hier selten vor. Die
meisten Wohnhäuser sind gemauert nnd mit Ziegeln gedeckt; nur abseits sind noch jene strohgedeckten Hütten, in
welchen Küche und Wuhnstube Ein Raum sind nnd welche Rauchstuben genannt werden. Das Familienleben ist
sehr patriarchalisch, wie in diesen Strichen überall. Die Nahrung liefert hauptsächlich der eigene Grnnd und Buden;
auch zum größten Theile die Kleidung. Mehlspeisen, Gemüse und Obstmust; Fleischspeisen nur an Sonn- nnd
Festtagen. Die Männer tragen Kleider von Nilfling (Schafwolle nnd Garnzeug) oder aus dunkelfarbigem Tuche.
Auch hat jeder eine blaue Schürze umgebunden. Die Hüte sind schwarz nnd schmalkrempig nnd haben flatternde
Bänder von schwarzer Seide. Die grünen Steircrhüte kommen hier nicht vor. Die Weiber tragen hellfarbige
Kopftücher, deren Enden sie nnter dem Kinn zusammenknüpfen, dann dnntelblanc Joppen und Kittel, die etwas kurz
sind; znr Sommerszeit an den Werktagen gehen sie meist barfnß, su daß es wühl geschehen kann, daß der Hansel
im Kurnschnitt über die Lehne hinan nicht allzugern hinter der Mir l cinherschncidct, er sagt, es wullten die Augen
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918