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schloß Eggenberg mit Vlick auf
Graz.
Äls Gott mit der Erschaffung der Welt fertig war, tupfte er mit dem Finger auf diesen Fleck und sagte:
„Hierher kommt eine große Stadt!"
Und der Fleck war ganz darnach. Eine schöne, glatte, große und fruchtbare Ebene — gegen Murgen und
Mittag eingerahmt von einem sonnigen, früchtereichen vügellandc; gegen Abend und Mitternacht von höheren Wald
bergen, in welche» Lanb- und Nadelholz in anmuthsreichcn üppigen Schattiruuge» wechseln, reiche Schatten spenden,
klare Quellen geben. Und hinter diesen schönen, wildreichen, vielgestaltigen Waldbergen, durchzogen von thaufrischen,
idyllischen Thälern, heben sich die hohen Massen des Urgebirges, ein mächtiger Wall gegen die Stürme des Westens,
gegen die ranhcn Winde des Nordens. Und von diesen Gebirgen heran durch finstere Schluchten und heitere Thäler
schlangelt sich ein großer, aber klarer nnd lebendiger ^vlnß, der sich endlich herau^windet und seinen Spiegel zieht
über die weite Ebene hin bic- zu jener Enge, wo Berg nnd Hügelland ineinandergreifen nnd den .Ul'eic- beschließen.
Und dort, wo in großem Ring zahlreiche Thäler herauskommen vom vügelgelände nnd von den Bergen, nnd jedes
sein helles Wässerlein mitbringt zum stattlichen Alpcnflnß, ragt hart an dem Ufer dieses Flusse--, steil nnd grau, und
rrichdurchwcbt mit grüuen Büschen, ein Fclskegel auf, der so zu sagen die ganze Ebene beherrscht und weit ins
Land hinaus und in die Alpen hineinblickt. Auf diesem Fclsberglein, das nach alleil Seiten ins Thal fällt, mit
keiner andern Höhnng zusammenhängt, als wie wenn es ganz absichtlich als -verr der Ebene und Hüter des Flusses
hierhergesetzt worden wäre, dunkelt die nordische Tanne, reift der südliche Weinstock. Und hier ist es, wo der ernste
kräftige Recke Nord und die milde, fröhliche, rosenbekränzte Jungfran Süd fich die Hände reichen, und ein Paar
bilden, von welchem auch die Lästerzungen sagen müssen: es paßt zusammen. —
Hierher kommt eine große Stadt! so stand es vom Anfange her geschrieben über diesem herrlichen Thale.
Aber jene ferne Vorzeit können wir nicht mehr sehen, in der zum erstenmal das Geschlecht der Menschen in diese
Himmelsstriche kam und das wilde Gcthicr, sofern es nicht zn seinem Gebrauche sein konnte, vertilgte oder davon
trieb. Vielleicht waren es Wasscrthicre, die das Thal beherrschten; die Gelehrten sagen, es wäre einst ein See
gewesen auf dieser Ebene; und da mag das Insclchen des Felskegcls darüber aufgeragt und entweder den Thieren
oder schon den Menschen als Naturfcstung gedient haben. Das Aeltcste, was wir aus unserer Geschichte wissen,
ist, daß etwa sechshundert Jahre vor Ehristus ein asiatischer Stamm herangekommen war, sich in den Gegenden der
heutigen Stcicrmark niedergelassen und Jagd, Viehzucht uud Ackerbau getrieben hat. Das waren die Celten oder
Taurisker, nach welchen unser Alpenzug zwischen der Enns und der Mur uoch heute Tauern heißen soll. Trotz
ihrer celtischen Waffen, die sie aus norischem (heute stcirischcm) Stahle zu erzeugen wußten, scheinen sich diese Asiaten
doch nicht viel länger als sechshundert Jahre hier behauptet zu haben. Zum Beginne der christlichen Zeitrechnung
ist die römische Sprache, sind die römischen Gesetze im Land. Aber vierhundert Jahre später, als die wilden Völker
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918