Page - 147 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Das Canalthal.
Im Wundcrmecrc untcrgcheud klannncrst Dn Dich an Größen, die Dich retten. Der eine große Gletscher-
könig ruft Dir zu: Ich halte Wacht. Das ist der Glöckner, dort oben im Nordwcst, mit seinem Hörner- und
Zackcngcwirrc und dem Eisbcrggürtcl. Nicht zwar vordringlich läßt er sich finden; seine Trabanten, der Vencdiger
und Ankogcl, mit dem Flimincrklcidc erscheinen augenfälliger. Die Kalk- und Dolomitschroffen Osttirols, die Oetz«
thalcr und Criftallo und Marmolata setzen die fesselnde Kette fort, die Friauler, die Iulier, die näheren Gailthalcr;
wie Vorkämpfer tauchen auf der Monte Strcga, Canin, Montaccio, uähcr heran Unhold und Manhart. Im Südost
leiten Dich scharf ins Blau schneidende Ricsenwändc vom Tcrglou abfallend hinaus gegen den alles sänftigcndcn Ost
mit den niedrigeren Linien des Bacher in Stcicrmark. Schaust Du wieder hinauf ins eisreiche Oberland, wo oft
zur zehnten Stunde der Sommernacht des Ankogcls rothgüldcn angehauchtes Haupt noch über der schlnmincrndcn
Welt wacht, so enträtselst Tu gar wol den Sonnblick, das Schcinbrctt, Schwarzhorn, Säuleck, Hafncrspitz — doch
was sind Namen? Was ist der Echiffskatalog der Ilias gegen Helenen?
Die von uns nicht mit den Ordcnssterncn besonderer Nennung ausgezeichneten Hoheiten eines Giscnhut, dem
Dobratsch ebenbürtig, eines Thorstcin, Hochschwab und alle die Stammhalter hinunter bis an die letzten Contourcn
der Koralpe, sie erheben wol nicht Klage, zumal ihren Ansprüchen doch anderen Orts gebührlich Rechnung getragen
werden soll. Stehn sie doch alle farbcnfrisch in Pcrnharts Rundschaubild, auf Schloß Iigguln zu sehen.
Der Abstieg nach der schroffen gailthalcr Seite scheint keineswegs gefahrlos; aber nicht allzulang her ist's, daß
ihn zwei „Bräntchcn aus dem Alpenland mit dem Aug' wie Kohlen" glücklich vollführten, lins erquickt noch das
wolbestalltc Hotel; allerdings eine Steilbahn K Ili Rigi führt uns nicht hinunter über graue Gründe und Schrunde.
Aber der Telegraph hat da seine Spazierstöckc eingesetzt; ausgestattet mit Bohnerzstückchcn oder (ist's um April)
mit dein wolriechcndcn Hügclvcilchcn von der Iägcrbrückc (ein bekannter Standort bisher nur in Hciligcnblnt),
wandern wir befriedigt und bereichert im Geiste dem Tiefgcbrcitc zn.
Das Canalthal.
I?on Villach aus, der malerischen Heimat der beiden Landschaftsmaler Willroidcr, Joseph in Düsseldorf, Ludwig
in München, des gelehrten Jesuiten I. B. Kaschuttnigg (geboren 1714, gestorben 1789), des chrcnvcstcn Kriegers
A. Fhr. Scudicr (geboren 1818), setzt nns die Pontcbba-Bahn mit fünf Stationen in zweien Stunden in ein
ungcmcin lebhaft gezeichnetes deutsch, wälschcs Grcnzthal, welches, einen Raum von sechs Gcvicrtmcilcn einnehmend,
allerdings einer wcithingczogcnen breiten Flnßader entbehrt, aber mit dem gigantcskcn Aufbau der Gebirge nnd der
völligen Eigenheit der Märkte- nnd Dörfcrfigurationen unwiderstehlich wirkt. Da wogt nicht das weite Aehrcnfcld,
schaukelt nicht auf kräuselnder Welle sich das knarrende Floß und auch die alten Waldrücken, durch Jahrhunderte
ansgcbraucht fast gleich dem Karst, schieben sich nicht mit üppiger Begrünung herab in die von Frachtlcuten auf
gesuchten Weiler.
Das Wahrzeichen des ucsnvförmigcn hcllgrauschroffigcn Mittagskogcls zur Linken lassend, erreichen wir, den
Dobratsch nmfahrcnd, zuerst das Warmbad Villach. Die indifferente Therme von drciundzwanzig Grad Rcaumur
bildet noch im Abfluß einen starken Strang und wird ähnlich dem Borne von Pfäffcrs, Nenhaus, Tüffcr geschätzt.
Reizend sind die schattigen Anlagen vom Magdalcnenhof bis zur Napolconshöhc, prachtvoll die Aussichtspunkte,
gedeihlich die Sejours unter Walters vicljährigcr Hausleitnng. Bisher galt Warmbad Villach (die richtige VMn,
^ ^na,») unbezwcifelt als Kärntcns erster Badeort; sechstausend Bäder werden jährlich an Fluggäste geboten.
Ein übcrgelagcrtcr Waldrückcn: die Gail in Echlangcnwindungen zeigt alsdann ihren Silberspicgcl im Auen-
tcppich und nächst der alten Holzbrücke klafft eine senkrechte Felswand aufgcthürmt, drauf die Maucrtrümmer von
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918