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Hier bedingt das Kapital jene Zuneigung, die das (demKonsumerleben entge-
genstrebende)KinddemVaternunentgegenbringt.DieEinstellungsgrößenunddie
BildausschnitteunterstützendiegefühlsbeladenenSzenerien.Allgemeindargelegte
Situationen sind in Halbtotale gehalten, stehen Emotionen imMittelpunkt, rückt
man näher an die Szenerie und somit an die Protagonisten heran. Während die
GesichtslosigkeitdesVaters indererstenSzene (nurseinRumpf ist zusehen)meta-
phorisch zuverstehen ist und seineVerlorenheit und seinenVerlust der Selbstach-
tungspürbarmacht, erhält er inder zweitenSequenzseinePositionwieder zurück.
InderDiagonale vonoben (Mann)nachunten (Kind) angeordnet, ist die elterliche
Dominanzzurückgewonnen.
DieKonzentrationaufGestikundMimikinderGroßaufnahmegibtEinzelaufnah-
men besondere Bedeutung und den vorgegebenen Textzeilen emotionale Zugkraft.
Die Szenerie vor dem „Arbeitslosenamt“, bei dem sich fast ausschließlich Männer
einfinden, ist neuerlich auf dieweibliche Zielgruppe ausgerichtet. Eine junge Frau,
diedesWegeskommtunddie frierendenGestaltenbeobachtet, fungiert als Identifi-
kationsfigur. DenWorten „Wenndie Schillinge entschwinden–wie hier Lohnund
Arbeit finden?“ folgteineGroßaufnahme:DieLippenfestaufeinandergepresst,blickt
dieDameernstundnachdenklich inRichtungderMenschenschlange, sienickt und
wendet den Blick langsam ab. Verständnis, Mitgefühl, persönliche Betroffenheit –
die kurze Sequenz lässt viele Zuschreibungen zu, die Zuschauerin im Kino konnte
jeweils ihreeigeneInterpretationwählen.
WOHIN LÄUFST DU SCHILLING? versucht neben dem Hauptpublikum „Frauen“
auchmöglichst viele Bevölkerungsgruppen einzubinden und somit anzusprechen.
Nebender gehobenenMittelschicht (Ehepaar, Kunden imKaufhaus), denBeamten
(Grenze),HandwerkernundAngestelltenwurdenauchdieBauern immittlerenTeil
in dieHandlung eingebunden. DasGedeihen der heimischenMilchwirtschaft wird
überBildervisualisiert. IstvorerstnureineKuhaufderAlmzusehen,so füllensich
dieStällenachdemEinmarschderSchillingmünzenamHofmitVieh.EinePersoni-
fizierungderBauernbleibtaus, eineinzigerLandwirtwirdbeimMelkenvonhinten
gezeigt. Die ländliche Sequenz ist amwenigsten ausgearbeitet. Der Auftrag, auch
diesen Stand zu berücksichtigen, scheint konsequent, aber uninspiriert durchge-
führt.Erbildet schlichtdenmittlerenTeil,demdiePräsentationdesHandwerksvo-
rausgehtund jenederAngestellten folgt.
Die Zielrichtungdes Films ist klar erkennbar:Unter Einbindungmöglichst vie-
ler„Schichten“und„Stände“ solltederWirtschaftspatriotismusderÖsterreicherin-
nen und Österreicher geweckt werden. Vor allem die kaufkräftige Gruppe,
die tendenziell ausländische Waren den heimischen vorzog,501 versuchte man
einem„Umerziehungsprozess“zuunterziehen.MoralischeundpersönlicheAspekte
501 Vgl. dazu auchdieAusführungen in:Kontakt, „Kauft österreichischeWaren!“, Nr. 8, Juli/Au-
gust 1930,S. 11.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur