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Es folgt der Packshot: Jambo ist nun in einer großen Einstellung zu sehen, er
hebt belehrendden Zeigefinger. Zwischentitel: „Meine ‚Cavalier‘ Schuhcremewird
immermit ‚glänzendem‘Erfolgangewendet.“ IneinernahenEinstellungsgrößehält
JambodieSchuhcremedosemitderAufschrift„BesteSchuhcreme,TradeMarkCav-
alier, SoloWien“ vor seinGesicht. Er schiebt die Dose zur Seite, während er auch
seinGesicht seitlichwegbewegt. JambolächeltnocheinmaldemPublikumzu, lässt
sein Gesicht wieder hinter der Verpackung verschwinden, senkt den Kopf, ent-
schwindet demBild, nur seineHand hält von unten das Behältnis. Der Schriftzug
„Ende“setztdem„Werbe-Schwank“einenSchlusspunkt.
DER STIEFELPUTZER ALS LIEBESAMOR folgt einemkolonialenBlickmuster: Jambo ist
immer inder untergeordnetenPositionplatziert, er sitzt stets, auf ihnwirdherabge-
blickt,erdientundlächelt.Ergiltwohl inseinemDienstleistungsbereichalsExperte,
verschwindet aber hinter dem Produkt. Über weite Strecken nimmt der Film aber
auch seine Blickposition ein.Die Personen sindnur abdemRumpf ersichtlich, ihre
Gestik, ihreBeine, ihreSchuhewerdenwahrgenommenundindenFokusgerückt.
Neben der klar rassistisch-kolonialen ist hier aber auch eine patriarchalisch-
sexuelle Sichtweise festzumachen. Der „aktiv agierende“Mann ergreift die Initia-
tive, „stellt nach“. Die „passive“ Frau reagiert. Nur in dem ihr (aber auch dem in
der hier vorgegebenen Lesart „dienenden Mohren“) sphärisch zugeordneten Be-
reich–derSauberkeit–beziehtsievehementStellung.Nachder„Bereinigung“des
Disput-Auslösers und einer eindeutig-zweideutigen „Säuberung“ ihrer Bekleidung
durchdenMann, gibt sie sichhin, nimmtdieRolleder „schwachenSchutzsuchen-
den“ (umklammert den männlichen Hals) ein. Das traditionell vorgegebene
Gleichgewicht istwiederhergestellt.
Die Gestik des „Verehrers“hat einen eindeutig sexuellen Zug. In den ersten Ein-
stellungenbeimAktdes„Nachstellens“ ist seineHandgriffbereitderFrauentgegenge-
richtet, sodass ein Griff an das weibliche Gesäß zumindest in der Bewegung
angedeutet wird. Das Belecken seines Fingers unmittelbar vor der „Befleckung“ der
DamedurchdenVogel,dasErscheineneines„schamhaft“dunklen (Vogelkot!), flächi-
gen, buschigenFlecksdirektunter demGeschlechtsbereich sowie seinEntfernen sind
nichtmehr nur scheinbar, sondern augenfällig sexuellmotiviert. Umso erstaunlicher
ist dieseBildsprache, als zuBeginneinTitel-Schriftzugdaraufhinweist, dassderFilm
„EigentumderWiener gewerblichen Fortbildungsschule,Wien, VI.,Mollardgasse 87“
ist.ObundwiedieserStreifenschulischzumEinsatzkam,warnichtzueruieren.
DERSTIEFELPUTZERALSLIEBESAMOR ist alsDemonstrations-„Spot“einzuordnen.Ver-
mitteltwird,dasszumgepflegtenÄußerenauchentsprechendsaubereSchuhezählen.
Ein„Kavalier“habesichnichtnurwieeinerzuverhalten, sondernauchsozukleiden.
Der Versuch, denNamen der Schuhcrememit der Narration zu verbinden, ist offen-
sichtlich. Die Handlungsweise des vermeintlichen „Kavaliers“ ist abermehr als frag-
würdigumgesetzt.
Bekanntheit erwarb Köfinger vor allem aufgrund seiner über viele Jahre
produzierten und weithin bekanntenWerbefilmserie über die österreichischen
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur