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weiterhinOrienttabakedieProduktion.987 ImHinblickauf eine inEuropaEndedes
19.undzuBeginndes 20. Jahrhunderts einsetzendeFaszination fürdenOrient ent-
standen eine Reihe von Stereotypen-Bildern, die auf die Herkunft des Tabaks ver-
wiesen. Pyramiden,Minarette, Ornamente, Szenerien aus „TausendundeinerNacht“
zähltenzudiesemVorstellungspool.988DieWerbetreibendensetztenbewusstaufden
Wiedererkennungswert dieses „Bühnenorients“, wie es der Werbepsychologe und
GrafikerderdeutschenZigarettenfabrikReemtsma,HansDomizlaff, treffendaufden
Punktbrachte.989
DerWozak/Thomas-Film (aus der Produktionder „AdiMayer Film“) EIN ORIEN-
TALISCHESWUNDER reiht sich indiesestandardisiertePräsentationdesMorgenlandes
ein. Schon das Titelbild lässt mit drei gebogenen Palmen und einem amHimmel
prangenden Sichelmond erste südlich exotische Assoziationen zu. Die für die
Animation gewählte Szenerie zeigt eine architektonisch im Orient angesiedelte
Stadt–Minarette, rundeGiebel, skizzierteMoscheenmitHalbmonden.Dazwischen
platzierte Palmen sowie die begleitende orientalische Flötenmusik ergänzen das
„südlicheFlair“.
DieSzenerie entlangschreitet einMannmitTurban,PluderhoseundSchnabel-
schuhen. Hinsichtlich Bild und Ton kommt die „Mickey-Mousing Technik“990 zur
Anwendung. Jeder Schritt des Orientalen wird rhythmisch untermalt, Aktion und
Musik laufensynchronunderzeugeneinenkomischenEffekt.Die langsamenBewe-
gungen lassen den Schluss zu, dass die Figur schleicht, umsomehr, als sie sich
ständig umschaut. Niemand scheint ihr zu folgen oder sie zu beobachten. Der
Orientale hält vor einemHaus inne, er blickt die Hauswand hoch, holt eine Flöte
hervor und beginnt zu spielen. Eine Schlange schleicht von links in das Bild, auf
denOrientalen zu, sie schlängelt sich schließlich langsamnach oben. Das Kriech-
tier hat mittlerweile die Form eines Stricks angenommen. Auf dem Flachdach ist
eine hübsche junge Frau zu sehen, sie liegt völlig entspannt da, an ein Kissen
987 Ebd. sowie Benesch, Friedrich: 150 Jahre österreichische Tabakregie,Wien 1934, S. 22. Trost,
Ernst: Rauchen für Österreich. Zur allgemeinen Erleichterung . . . Eine kultur- undWirtschaftsge-
schichtedesTabaks inÖsterreich,Wien2003,S. 144.
988 Vgl. dazu: Jacobs,Tino/Schürmann,Sandra:Rauchsignale:StrukturellerWandelundvisuelle
Strategien auf dem deutschen Zigarettenmarkt im 20. Jahrhundert, in: WerkstattGeschichte 45,
Essen 2007, S. 41. Polaschegg, Andrea: Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländi-
scher Imaginationen im19. Jahrhundert,Berlin2004.
989 „Der deutscheVerbraucherwärewohl sehr erstaunt und enttäuscht gewesen,wenn er erfah-
renhätte,dassderechte türkischeTabakbauer inGestalt,GesichtsschnittundLebensstildemEuro-
päer viel mehr ähnelt als den deutschen Begriffsbildern von einem echten Orientalen“. Aus:
Domizlaff, Hans: Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Ein Lehrbuch der Markentechnik,
Hamburg1939/41.Zit.nach: Jacobs/Schürmann,Rauchsignale,S.45.
990 DasPrinzipgeht aufdie ZeichentrickfilmeWaltDisneys zurück,wonachBewegungenmitGe-
räuschenbzw. Tönenabsolut synchrongesetztwerden. Eindurchaus ironischkomischerEffekt ist
dieFolge.Vgl.:Mikunda,Kinospüren,Wien2002,S. 275. 9.3 Animationskunst 229
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur