Page - 156 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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spätereBundeskanzler,BrunoKreisky,am14.März1938–alsoamMontagnach
dem»Anschluß« – absolvierte: »DerProfessor inKirchenrechtwar besonders
zuvorkommend.Ermeinte: ›FragenwerdeichSienicht.WelcheFragewollenSie
dennbeantworten?‹ Ein anderer, ein sehr boshafter undhaßerfüllterNazimit
einer ekelhaften Fistelstimme, hat, nachdemermeinenAkt gelesen hatte und
den Grundmeiner Vorstrafen wußte, mir die Frage gestellt: ›Herr Kandidat,
sagenSiemir,wiebegründenSiestaatsrechtlichden ›Anschluß‹Österreichsan
Deutschland?‹Icherwiderte,vorsomanchemZeugen:›HerrProfessor, ichbitte
vielmalszuentschuldigen,aber ichbinja,wieSieausdenUnterlagenerkennen,
auspolitischenGründen imGefängnis gewesen, ebenweil ichmich schonmit
derRechtsgrundlagedes früherenRegimesnichtabfindenkonnte. Ichbitteum
eine andere Frage.‹ Schönbauermeinte: ›Wären Sie nicht von dieser Abstam-
mung,hättemandasvielleicht alsmutigbezeichnenkönnen, soaberkann ich
dasnuralsChuzpebezeichnen.‹DaaberheuteeinsogroßerhistorischerTagsei,
wolle ermirkeinHindernis indenWeg legen; ichwerde ja,meinteer,ohnehin
nicht viel Freudehaben.«90
4. AuswirkungendesErstenWeltkriegesaufdasStudiumder
Rechts-undStaatswissenschaften
ImWintersemester1917/18wurdederVersuchunternommen,sog.Frontkurse,
die als (Weiter-)Bildung für die eingezogenen Soldaten gedachtwaren, einzu-
führen.Ähnliche Kurse wurden auch imDeutschen Reich angeboten, so be-
richtetedasBerlinerTageblattvom16.Dezember1917überdieEntwicklungder
»Feldhochschulen«bzw.»Fronthochschulen«.SiesollteneinerseitsdieSoldaten
über tagesaktuelle Themen unterrichten und Grundlagen der technischen
Wissenschaften und der Naturwissenschaften vermitteln. Der zweite Aspekt
dieser Kurse war eine Art Flucht aus der gewaltsamenWirklichkeit.91Neben
diesem»breitenMassenbedürfnis«nach (Volks-)Bildung tratendie »Wünsche
undNotwendigkeitennach fachwissenschaftlicherFortbildung«, inFolgewur-
den für manche Armeegruppen »vierzehntägige Vorlesungskurse von heimi-
schen Universitätslehrern« abgehalten. Sie waren wegen der zeitlichen Ein-
schränkung lediglichalsFortbildungoderAuffrischunggedacht.
Die IdeederEinführung solcherKurse anderWienerUniversität kamvom
90 Kreisky,ZwischendenZeiten297 f.–KreiskysPrüferwarenlautRigorosenprotokoll(UAW
JRA3772)Köstler,Mitteis,WengerundSchönbauer. TrotzBefragungvonPersonen (Ger-
hardThür,DieterNörr, denenwir imÜbrigen zugroßemDankverpflichtet sind), die die
betreffendenPrüfer nochpersönlich gekannt haben, konntenicht eruiertwerden,werder
Professormit »Fistelstimme«gewesenseinkönnte.
91 BerlinerTageblatt vom16.Dezember1917,Nr.641.
DasStudiumderRechtswissenschaften156
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik