Page - 199 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
Image of the Page - 199 -
Text of the Page - 199 -
jener vonWenzelGleispach, der einhervorragendesBeispiel für dasVorurteil
»Frauenstudium« präsentiert, gibt er doch implizit zu, nicht einmal Kenntnis
der vorliegendenZahlen zuhaben: »DieAnzahl derordentlichenHörerweib-
lichenGeschlechtes beträgt ungefähr fünfProzent derGesamtzahl der ordent-
lichenHörer derWiener Juristenfakultät überhaupt, der größere Teil scheint
sich demStudiumder Staatswissenschaften zuzuwenden; genau läßt sich das
nichtfeststellen,weilleiderdie›eigentlichen‹JuristenunddieStaatswissenschaft
Studierendennicht abgesondert gezähltwerden.«56
DieBezeichnung»Frauenstudium«hielt sichüberdie Jahrehinweghartnä-
ckig, obwohl die Fakten kaumgenügendGrund für ein solchesUrteil liefern,
sodassnurMutmaßungenangestelltwerdenkönnen: Solltemit dieserTitulie-
rung vielleichtweniger eineAussageüber die tatsächlicheGeschlechtervertei-
lunganderRechts-undStaatswissenschaftlichenFakultätgetroffenalsvielmehr
eine Abwertung intendiert werden – ebenso wie man vom »Billigdoktorat«
sprach? Immerhin galt es, für die Absolventen der Rechtswissenschaften, die
Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wenigstens durch üble Nachrede zu ent-
schärfen.DenndieErsteRepublikwarErbineinesüberdimensionierten,dabei
aber unterfinanziertenUniversitätssystems,was zu einerÜberproduktionvon
unterbeschäftigtenTalenten führte, »weil die austerityPolitikderRegierungen
derErstenRepublikeineAusweitungeinschlägigerBeschäftigungsmöglichkei-
tenverhinderte.FürdieUniversitätenbedeutetediesePolitik,dasskeineneuen
Stellen geschaffen wurden«57. Die expandierende Bildungsbeteiligung der
Frauenverschärfteden–auchimmermehrantisemitischgeführten–Kampfum
diewenigenuniversitärenPlanstellen58.
WomöglichzeugtedieBezeichnung»Frauenstudium«schlichtnochvonden
währenddesErstenWeltkrieges, imVorfeld der Einführungdes Staatswissen-
schaftlichen Doktorats, erdachten Intentionen: Die unter anderem durch die
weibliche Erwerbsarbeit während des Krieges erstarkte Frauenbewegung, die
umsovehementer andieUniversitätendrängte, sollte ins Staatswissenschaftli-
cheStudiumkanalisiertwerden.59
Naiv undgutenWillens könntemanaberdie Benennung»Frauenstudium«
56 Gleispach,RechtsstudiumderFrauen9.
57 Fleck,ArisierungderGebildeten234.
58 DiewirtschaftlichenundpolitischenKrisenjahrewarenvorallemeineKriseder Jugend,an
denUniversitäten also eineKrise der umArbeit bangenden Studierenden sowie deswis-
senschaftlichenNachwuchses.DaszeigtsichanschaulichinderStudentenschaft,diesichmit
besonderem Enthusiasmus demAntisemitismus und schließlich Nationalsozialismus zu-
wandte.Mit Blick aufDeutschlandmeint Faust, dass unter den Studierendendie »Macht-
ergreifung« bereits eineinhalb Jahre vor 1933 stattgefunden habe (vgl. Faust, Studenten-
bund).
59 Sieheoben165ff.
DieStudierendenderStaatswissenschaften 199
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik