Page - 233 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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sächlich war dieses Buch die erste grundlegende Auseinandersetzung über
AufgabeundMethodikder Sozialwissenschaftenund indieserHinsicht bahn-
brechend.
Die Nationalökonomie war in Form von Fächern wie »Handlungswissen-
schaft«, »Landwirtschaft«, »Steuerwesen«, »Statistik« seit 1784 anderUniver-
sität Wien im juridischen Studium verankert und hatte sich auf dieser uni-
versitärenBasisnebendenimengerenSinne juristischenFächernpersonellgut
ausgestattet als Teil der Staatsdienerausbildung entwickeln können. Aufgrund
diesesStartvorteils beherrschtedieNationalökonomie langeZeit auchdieEnt-
wicklung der Sozialwissenschaften159. Folglichwar es wiederum einÖkonom,
LudwigMises, der denTerminus »Praxeologie« als »Lehre vommenschlichen
Handeln« inÖsterreich einführte, als Theorie der Praxis einer allgemeineren
Wissenschaft, diedenBegriff »Soziologie« ablösen sollte. Leubegeht sogar so-
weit,zubehaupten:»Ganzallgemeinkannmansagen,dassdieÖsterreicherdas
BegreifenundVerstehenalsMethode indie theoretischenSozialwissenschaften
eingeführt haben«160. Denn bestärkt von Kelsens revolutionäremVerständnis
von Aufgabe und Inhalt der Rechtswissenschaften sowie basierend auf den
ForschungenderÖsterreichischenSchulederNationalökonomie(insbesondere
derdrittenundvierten,nunmehrschonaußeruniversitärenGeneration)wurde
das Umfeld derWiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät in den
1920erJahrenzueinemZentrumdesGrundlagendiskursesüberdieMethodiken
der einzelnen Fächer. Die Einführung einer neuen Studienrichtung, der
Staatswissenschaften, trug zumindest seitens der Studierenden zu dieser Dis-
kussion bei, wie zahlreiche Dissertationen zeigen, die sich ausdrücklich mit
Methodenfragenbeschäftigten.
Durch das staatswissenschaftliche Doktoratsstudiumverdichtete sich zwar
dasgesellschaftswissenschaftlichorientierteAngebotanderFakultäteinwenig,
aber es war durch die Berufungspolitik jener Jahre konservativ-retardierend
geprägt.Dasbedeutete,dassderparteipolitischeKampfauchanderUniversität
ausgetragenwurde, weshalb in der Ersten Republik schließlich nicht nur die
Weiterentwicklung der österreichischenNationalökonomie, sondern auch die
AusformungderSoziologieundschließlichdererstenpolitikwissenschaftlichen
Ansätze inderHauptsacheaußeruniversitär erfolgenmussten.
Was die Innovationskraft der Sozialwissenschaften in den 1920ern aus-
1893mit derGründungderZeitschrift für Social- undWirtschaftsgeschichte (gemeinsam
mit LujoBrentanoundLudoM.Hartmann)denSozialwissenschaftenPublizität geboten
hatte, sowie Adolf Menzel, der schonGeschichte der Soziologie las, bevor solch eine in
Österreichdisziplinärüberhauptwahrgenommenwurde.
159 ÜberdiePrägungder Sozialwissenschaft durchdieArbeitender verschiedenennational-
ökonomischen Schulen zuletztmit FokusDeutschland siehe Lenger, Sozialwissenschaft
um1900.
160 Leube,Nationalökonomie30.
ErstesAddendum:DieAnfängederPolitikwissenschaft 233
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik