Page - 240 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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derErstenRepublikweiterhin fest inkonservativerHandwarenunddieBeru-
fungspolitikmaßgeblichmitdenparteipolitischenKlassenkämpfen jener Jahre
inZusammenhang stand, verwundert dieVerhinderung der Einführung eines
sozialwissenschaftlichenStudiumskaumnoch.ZwarkonntederSozialdemokrat
OttoGlöckel dieUniversitäten perVollzugsanweisung imApril 1919 vor voll-
endeteTatsachen stellen181undeinDoktoratder Staatswissenschaften einrich-
ten, aber er beließ es an der Juridischen Fakultät und griff auf ihr Personal
zurück–wohl inderHoffnung, alsRegierungspartei auchkünftigdieWissen-
schafts-unddamituniversitäreBerufungspolitikprägenzukönnen.Allerdings
kündigtebekanntlichderchristlichsozialeKoalitionspartnereinJahrspäterdie
Zusammenarbeit auf und ab Oktober 1920 war die Sozialdemokratie trotz
Stimmenzuwachs inkeinerweiterenRegierungderErstenRepublik vertreten,
was sichnichtunwesentlich inderVergabeuniversitärer Stellen auswirkte. In-
novative, empirische sozialwissenschaftlicheAnsätzemussten folglichvorwie-
gendaußeruniversitär, imextramuralenExil182, diskutiertwerden.
Entsprechend enttäuschendwardas Studium für somanchenpolitischund
angesellschaftlichenZusammenhängen interessiertenStudierenden.ZumBei-
spielmeinteHugoHuppert anfangsüberdas StaatswissenschaftlicheDoktorat
noch euphorisch: »[E]s war die eigentliche Tochter der Republik« und be-
gründete seine Studienwahlmit denWorten: »[J]etzt möcht ich endlich ›Das
Kapital‹ lesen, die conditio humana der Bourgeoisgesellschaft begreifen, die
VerwaltungdesBürgerglücksaufdecken,densozialenStellungskriegerkennen,
dessenBagatellisierungunsere größte Sündewar«183. Schließlichwar er insbe-
sonders von denNationalökonomenAdler, Grünberg,Mayer undWieser be-
geistert, fanddie Soziologie aber gänzlichdurchSpannbelagert, den»Spinner
mit seiner hirnverbrannten ›Ganzheitslehre‹«, lautHuppert ein »faschistischer
Soziologe«.Wie schonPaulNeurath hatte sichHugoHuppert vomStaatswis-
senschaftlichenDoktoratsstudiumeinesozialwissenschaftlicheBildungerhofft,
diesedort abernie erhalten.
Während etwa in den USA derWert sozial- und politikwissenschaftlicher
181 ErschmeichelteaberinsofernderverbliebenenmonarchistischenGroßmannssucht,indem
erdasneueDoktoratals»wesentlicherFaktorbeiderErfüllungderKulturmission,welche
DeutschösterreichgegenüberdenBalkanländernunddemnahenOriente zukommt«, an-
pries, wodurch »[d]ie Schaffung einer solcherAnziehungskraft unsererHochschulen für
die Studierenden aus demOsten […] fürDeutschösterreich auchvon einer nicht zuun-
terschätzenden Bedeutung in politischer und ökonomischer Beziehung sein« würde
(Glöckel,Vortrag imKabinettsrate,ÖStAAVA,UnterrichtAllg., Prüfungen,Karton6902,
Az6484/1919).SomitwarimmerhindenSorgenderGegner,hiermiteinkritisches,garden
katholisch-konservativenStatusquoinFragestellendesStudiumeinzurichten,einbisschen
derWindausdenSegelngenommen.
182 Vgl.Ehs, ExtramuralesExil, sowieEhs,Vertreibung indreiSchritten.
183 Huppert,DieangelehnteTür 392.
DasStudiumderStaatswissenschaften240
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik