Page - 243 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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erfolgte. Und darum gehört die Lehrerausbildung nicht an das Gymnasium,
nicht andieRealschuleundnicht andieUniversität.«188
DieseArgumentationErnstSchwindsundseinerKollegenhielteinefundierte
sozialwissenschaftliche und didaktische Ausbildung von den Hochschulen
fern.189 Eine solche musste außeruniversitär, am Pädagogischen Institut der
StadtWien,geleistetwerden.DasRoteWienrichtetedeshalbamPädagogischen
Institut, das bislang nur der Fortbildung gewidmet gewesenwar, zweijährige
»hochschulmäßige Lehrerausbildungskurse« ein, bei denen auchVertreter der
Rechts- undStaatswissenschaftlichenFakultätmitwirkten, nämlichMaxAdler
undHansKelsen.190
Mit jenen außeruniversitären Institutionen, die Forschung und Lehre der
Universitäten herausforderten, wurde der Pluralismus der wissenschaftlichen
Herangehensweisen bewusst gemacht, was etwa den deutschen Philosophen
Fritz Heinemann zu folgendemverzweifeltenHilferuf veranlasste: »Heute er-
lebenwirdieAuflösungallermythos-undreligionsgebundenen, autarkenund
schulmäßigen Formen. Chaos undRichtungslosigkeit scheint das Signumder
Zeit.HieKant,hieNietzsche,hieMarx,hieHegel,UntergangderWissenschaft,
Lebensphilosophie, Mystik, Metaphysik, Phänomenologie – wie ein Jahr-
marktsgeschreimischt sichderwüsteChorderStimmen.Es istwie einErdbe-
ben,wodersichereHaltdesmütterlichenBodenssichlöstunddieMenschenwie
aufgescheuchtesGeflügelwirrdurcheinanderrennenundniemandweiß,wohin
er sich retten soll. Die Not ist groß.«191 Heinemann beschreibt treffend die
Moderne und somit den Ausgangspunkt der nun einsetzendenVersuche, ein
methodologischesSystem indieses »Jahrmarktsgeschrei« zubringen.
Diese Unruhe in denWissenschaftenwar durch den ErstenWeltkrieg und
insbesonderedurchdenpolitischenUmbruch1918nochmalsverstärktworden.
Gerade in den Staats-,Wirtschafts- und Sozialwissenschaftenmusste dadurch
nichtmehrnurübereigeneTheorienundMethodenreflektiertundumoffizielle
Anerkennung gerungen werden, sondern auch der Gegenstand des Erkennt-
nisinteresses neu definiert werden. In jene Zeit fiel imFrühjahr 1919 die Ein-
richtungdes staatswissenschaftlichenDoktoratstudiums, das allerdings schon
1926(nununtereinemchristlichsozialenMinister)wiedernovelliertwurde.Die
StaatswissenschaftenwarenjedochvonAnfanganschlechtaufgestelltgewesen:
Siewarenzwaroffiziell irgendwieeigenständig(d.h.zumindesthinsichtlichdes
Abschlusses alsDr. rer. pol.), personell unddamit auch inHinblick auf die zu
lehrenden Inhalte undMethoden aber von jenen bestellt, die bereits im juris-
188 Ebd.13 f.
189 ZurWiener Universität und der Schulreformbewegung in den Jahren 1918–1934 siehe
Stadler,Universität undSchulreform.
190 Siehedazunäher imKapitel »DasUmfeld der Fakultät. ExtraMuros«, unten Seite 701ff.
191 Heinemann,NeueWege.
ErstesAddendum:DieAnfängederPolitikwissenschaft 243
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik