Page - 251 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
Image of the Page - 251 -
Text of the Page - 251 -
ich inParis.Diese zwei Jahre inAmerikabrachtendengroßenDurchbruch in
meiner intellektuellen Entwicklung«212, resümierte Eric(h) Voegelin über die
Meilensteine seinerwissenschaftlichenLehrjahre.
Nach 1945 war das Doktoratsstudium der Staatswissenschaften unbedeu-
tenderdennje.DaauchdasintellektuelleNetzwerkderZwischenkriegszeitnicht
wiederauflebenkonnte,weil–wiederumauspolitischenGründen213–vonden
emigrierten österreichischen Sozialwissenschafter/inn/en kaum eine/r zur
Rückkehreingeladenwurde, bot sichdenStudierendenderStaatswissenschaft
keineMöglichkeit sozial- und politikwissenschaftlicher Ausbildung. Denn re-
aktiviertwurdelediglichdaskatholisch-konservativeLager,daszwarinderNS-
ZeitseineUniversitätspostenverlorenhatte,abermeistnichtemigriertwar,zum
Beispiel FerdinandDegenfeld-Schonburg, LudwigAdamovichundder Spann-
SchülerAugustMariaKnoll; jenewaren allerdings trotz somancherDenomi-
nation keine Soziologen, sondern bestenfalls geisteswissenschaftliche Gesell-
schaftswissenschafter. Adolf Kozlik schrieb deshalb 1965 zu Recht: »In
Deutschlandwird schon jetzt ein staatswissenschaftliches Doktorat von einer
österreichischen Universität kaum ernst genommen«214. Dieser schlechte Ruf
schlug sich auch in den Studierendenzahlen nieder: Verzeichnenwir von der
EinführungdesstaatswissenschaftlichenDoktoratsstudiums1919biszumMärz
1938 936 Absolventinnen undAbsolventen, so sind es in den rund 30 Jahren
danachnurmehr rund550.
Ende der 1920er Jahre hätte das Studium der Staatswissenschaften durch
einige seiner außeruniversitär undmithilfe derRockefeller Foundation (fort-)
gebildeten Absolvent/inn/en vielleicht die Chance gehabt, sich zu einem tat-
sächlich eigenständigen und wissenschaftlich hochwertigen Gesellschaftsstu-
diumzuwandeln.Doch inAnlehnunganSchüleinmussman feststellen:Wäre
ÖsterreichalleinaufderWelt, sowäreesvermutlichnichtzurEntstehungeiner
modernen, universitär hinreichend verankerten Politikwissenschaft gekom-
men215. Denn jenen Innovator/inn/enwar der Zugang zuuniversitärenPosten
aufgrund ihrer Außenseiterrolle (liberal, marxistisch, jüdisch etc.) meist ver-
wehrt, sodass schon früheinBrainDrain einsetzte.Wer zuerst noch ins extra-
212 Voegelin,Reflexionen46.
213 Die Leitlinie des Unterrichtsministeriums bei der Auswahl der Rückberufungsanträge
lautete auf »prominent, katholisch-konservativ bis -monarchistisch und arisch« (vgl.
Fleck, Provinzialisierung 78 f). Da die innovative sozialwissenschaftliche Forschung in
derZwischenkriegszeit jedoch imaußeruniversitären, liberalenundmarxistischenLager
stattgefundenhatteunddortaußerdemsehrviele»Nicht-Arier«tätiggewesenwaren,wird
klar,warumdievielversprechendenösterreichischensozial-undpolitikwissenschaftlichen
Ansätze nachdemZweitenWeltkrieg keineFortsetzung findenkonnten. ZurMalaise der
WissenschaftenimNachkriegsösterreichsieheweitersFleck,ÖsterreichsWissenschaften.
214 Kozlik,Akademiker193.
215 Schülein, Soziologie inÖsterreich.
ErstesAddendum:DieAnfängederPolitikwissenschaft 251
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik