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chischen»Soziologen«und»Politologen«,allesamtausgebildete Jurist/inn/en–
die aber längst nichtmehrüber das kritischeMethodenbewusstsein sowie in-
terdisziplinäre Innovationspotential der Juristen Kelsen, Menger, Mises und
derenSchüler/innenverfügten– sahen sichdurch jene ausdemAuslandkom-
menden Innovator/innen in ihremStatus bedrängt. DenndieVertreibungder
frühenösterreichischenPolitikwissenschafter/innenhattedieZurückgebliebe-
nen, die (imSinnederRockefeller Foundationbeziehungsweise allgemeinder
anglo-amerikanischenSocial Sciences sowie im internationalenVergleich)nie-
mals Politikwissenschafter/innen gewesenwaren, nicht daran gehindert, sich
selbst alsPolitolog/innenzusehenundauszugeben.Undaufgrund jahrelanger
Konkurrenzlosigkeit wegen nicht erfolgter Rückholung der vertriebenen, nun
austro-amerikanischenPolitical Scientists223wurden sie sogar als solchewahr-
genommen224.
TrotzdernationalsozialistischenVereinnahmungdergeisteswissenschaftlich
geprägtenRichtungderSozialwissenschaft, die sich– imGegensatz zuraußer-
universitären, empiriegeleiteten Sozialwissenschaft – an den Universitäten
(weiter-)entwickeln konnte (z.B. beiOthmar Spann,AugustMariaKnoll etc.),
wurde imNachkriegsösterreich nicht etwa sogleich die empirische Soziologie
gefördert, sondern man hielt sich einerseits weiterhin an die geisteswissen-
schaftlich-theoretische Richtung und setzte auf deren konservativ-katholische
Prägung, verstandandererseitsPolitikwissenschaft einzig als vorgeblichapoli-
tische Institutionenkunde.Deshalbwar auchnach demZweitenWeltkrieg se-
riöse sozialwissenschaftliche Forschung wieder einmal nur außeruniversitär
und zudemmitökonomischemFokus zu finden, nämlich imÖsterreichischen
Institut fürWirtschaftsforschung (WIFO)225. Inneruniversitärwar zukonstatie-
ren:»Sichselbstüberlassen,kamenanÖsterreichsUniversitätenjeneKräfteans
Ruder, denen es vor allem um eine Restauration vermeintlicher vergangener
Größen zu tunwar.Die FolgewarendieRückkehr derNazis und eine nahezu
223 Zwar hatten sich einige, im Ausland befindliche Absolvent/inn/en der Rechts- und
StaatswissenschaftlichenFakultätumeineRückkehrnachÖsterreichbemüht,fandendarin
aberseitensdesMinisteriumskeinerleiUnterstützung.ZumBeispielgehörteEric(h)Hula
nachdemKriegdemDirektoriumderAustrianUniversityLeagueofAmericaan,die sich
um denWiederaufbau der österreichischenWissenschaftslandschaft bemühte und dem
BundesministeriumfürUnterrichtListenvonrückkehrwilligenVertriebenenübermittelte,
aufdenensichu.a.dieNamenvonFelixKaufmannundEric(h)Voegelinbefanden;zuden
ListensieheDÖW6814(vgl. bereitsFleck,AutochthoneProvinzialisierung82 ff).
224 ImerstenUNESCO-BerichtzurPolitikwissenschaft inverschiedenenLändernstellendiein
Wien gebliebenen Rechtswissenschafter Alfred Verdroß und Ludwig Adamovich die
österreichischenVertreter der Politikwissenschaft; vgl. König, Geschichte der Disziplin
227.
225 Das WIFO ist Nachfolger des 1927 von Hayek und Mises gegründeten Instituts für
Konjunkturforschung und erhielt als solches ab 1949 wieder Zuschüsse ausMitteln der
RockefellerFoundation.
DasStudiumderStaatswissenschaften254
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik