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dafür aber von einer Reihe anderer prominenter Persönlichkeiten – darunter
WilhelmEllenbogen,SigmundFreud,ArturSchnitzler,HermannSwobodaund
StefanZweig–mitunterzeichnet,235hatteaberkeinenErfolg:Erst1971sollteder
»Homosexuellenparagraph«ausdemStrafgesetz eliminiertwerden.
ImNovember 1930nahm JosefHupka in einem langen, auf zwei Tagesaus-
gaben aufgeteilten Zeitungsartikel in der »Neuen Freien Presse« zum »Fall
Halsmann« Stellung.236Der Jude PhilippHalsmann, der viele Jahre später als
»PhilippeHalsman«durchseinePhotographienWeltberühmtheiterlangte,war
von einemGeschworenengericht in Innsbruck am 16.Dezember 1928 – und,
nachdemderOGHdasUrteil kassiert hatte, erneut am19.Oktober 1929– für
schuldigbefundenworden,seinenVaterbeieinerWandertour indenZillertaler
Alpenermordetzuhaben.ImerstenProzesswurdeHalsmannvonRechtsanwalt
RichardPreßburger ausWien, imzweitenvonRechtsanwalt FranzPessler aus
Innsbruckverteidigt; dasgesamteVerfahrenstandunter starkantisemitischen
VorzeichenunderregtedieÖffentlichkeit inhohemMaße.U.a.hattedasGericht
eineReihevonpsychologischenGutachten,die vondenVerteidigernvorgelegt
wordenwaren, ignoriert und stattdessendiemedizinische Fakultät Innsbruck
umeinFakultätsgutachten ersucht,welchesHalsmann schwer belastete.Unter
denKritikern des Fakultätsgutachtens befand sich u.a. SigmundFreud; zahl-
reicheweitereprominentePersönlichkeitenwandtensichandieÖffentlichkeit,
umgegendasäußerstproblematischeUrteilzuprotestieren.Am30.September
1930wurde PhilippHalsmann auf Vorschlag der (am selbenTag aus anderen
Gründen zurückgetretenen) Regierung Schober vom Bundespräsidenten be-
gnadigt.237HupkawürdigtedieBegnadigungalsdas»menschlichschönsteWerk
derRegierungSchober«.Aber»dasUnglück,dasPhilippHalsmannwiderfahren
ist, die Zerstörung seiner Jugenddurch dieQual und Schmach einer zweijäh-
rigenGefängnissklaverei, kannkeineMachtwieder gutmachen.«238DieÖster-
reichische Liga für Menschenrechte verglich den Prozess Halsmannmit der
Affäre Dreyfus in Frankreich; sie veröffentlichte 1931 eine Broschüre, in der
Pessler über den Prozesshergang berichtete undHupka die Beweiswürdigung
durchdasGericht scharf kritisierte; Carl Brockhausen, der ebensowieHupka
dem Beirat der Liga angehörte, verfasste ein Geleitwort.Wie Hupka, der bis
dahinkeinerleiPublikationenzuStrafrechtverfassthatte, indieseRollekam,ist
unklar. Jedenfalls zog er alle gegenHalsmann vorgebrachten Indizien – denn
echteBeweise gab eskeine – inZweifel und teilte die vonderVerteidigung im
235 Arbeiter-ZeitungNr.134vom16.5. 1930, 2.
236 Hupka, Fiat iustitia.
237 Pessler,EinBilddesProzesses91.–DerStoffwurde2008mitPatrickSwayzeinderRolle
desRichardPreßburgerverfilmt:»Jump!«(LWBMedia,2008;[http://www.imdb.com/title/
tt0816544–abgerufen18.12.2013]).
238 Hupka,DieNichtigkeitderUrteilsgrundlagen129. Die
judiziellenFächer388
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik