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kultus« wandte sich Pollak und forderte, dass sich die Rechtsprechung aus-
schließlich amGesetz orientierenmüsse. Dies steht in einem gewissen Span-
nungsverhältnis zurÜberzeugung Pollaks, dass es zurÄnderung sozialer Zu-
stände nicht genüge, neue Gesetze zu erlassen, sondern diese sich nur dann
durchsetzen können, wenn ihr Inhalt dem entspreche, »was wenigstens die
überwiegendeMehrheit derBetroffenenohnedies als richtig empfindet.«356
Rudolf Pollak verlor am22.April 1938 aufgrund seiner jüdischenAbstam-
mung seine Lehrbefugnis, sein weiteres Schicksal bis hin zu seinem Tod am
27.Februar 1939 inWien ist unbekannt. Schima schreibt, dass »dieser hoch-
verdienteMann die letzte Zeit bis zu seinemTode in klarster Erkenntnis des
österreichischenUnglücks undunter demSchreckender ihmund seiner Frau
drohenden Gefahren verbringen mußte«, was auf einen natürlichen Tod des
knapp75-jährigen Juristen schließen lässt.
b) GeorgPetschek
GeorgPetschek357wurde 1872 inKolin [Kol
n/CZ] inBöhmengeborenundpro-
movierte1896anderDeutschenUniversitätPragzumJDr.NachGerichtspraxisund
Studien inHalle undLeipzig habilitierte er sich 1902mit einerArbeitüber »Die
Zwangsvollstreckung in Forderungen nach österreichischemRecht« in Prag und
wurde 1907 zumao. Professor, 1910 zumo. Professor des zivilgerichtlichenVer-
fahrensrechts anderUniversität Czernowitz ernannt,wo er 1910/11dasAmtdes
Dekansbekleidete.AufgrundderRumänisierungderUniversitätCzernowitz1919
verlorPetschekseinedortigeStellungundzognachWien.Hierübernahmihndie
österreichischeStaatsregierungam1.März1920alsordentlichenProfessor inden
Staatsdienst, was ihmnicht ersparte, sich anderUniversitätWien erneut habili-
tierenzumüssen.DadieeinschlägigeLehrkanzelbesetztwar,konntePetscheknur
als Privatdozent (jedochmit demTitel eines o. Professors) lehren. »Sein ›Dokto-
renseminar‹ brachte einem treuen Schülerkreis einWissen, das ihnen einen be-
deutenden Vorrang vor den Durchschnittsjuristen gab.«358 1928 veröffentlichte
er für StudierendeundAnwärter juristischerBerufe eine Sammlung von schwie-
rigen zivilprozessualen Rechtsfällen zuÜbungszwecken; 1931 vollbrachte erdas
»Kabinettstück«, das gesamte österreichische Zivilprozessrecht für das »Hand-
wörterbuchderRechtswissenschaft«auf39Seitendarzustellen.
Ab 1925 gabPetschek das 1883 gegründete »Zentralblatt für die juristische
Praxis« heraus, wo er auch selbst eine Reihe von zivilprozessualenOGH-Ent-
scheidungen kommentierte. Schima beschreibt den Arbeits- und Schreibstil
356 Schima, Pollak461.
357 Schima, Petschek;HansW.Fasching, PetschekGeorg, in:ÖBLVIII (Wien1983)8 f.
358 Schima, Petschek315. Die
judiziellenFächer414
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik