Page - 443 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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zeichnete aus seiner eigenen 20–22 Jahre zurückliegendenpraktischen staats-
anwaltlichen und richterlichen Tätigkeit zu bezeugen vermag, jedemgründli-
chenRichteroderStaatsanwaltohneweiteres einundwerdeneinemnormalen
Detektiv ebenso selbstverständlich einfallen. Derartige Beobachtungen und
Einfällemöglichst erschöpfendzusammenzustellenundsystematischzugrup-
pieren erscheint dem Unterzeichneten noch nicht als ein wissenschaftlicher
Verdienst, sondern nur als eine Fleissleistung, die gewiss zur Unterstützung
minderfindigerDetektiveoderUntersuchungsbehördennützlichseinmag,aber
nicht deshalb schon die hervorragende Befähigung des Autors erweist.«541
Letztendlich fasste das Professorenkollegium mit allen Stimmen bei zwei
Stimmenenthaltungen denBeschluss Streicher die venia legendi für Krimino-
logie zuerteilen.542Mit31.Dezember1923wurdeHubertStreicherauf eigenen
Wunsch von seinem Posten als ordentlicher Assistent enthoben543 und über-
siedeltenachWien.ErhattebereitsimOktoberinWienumdieÜbertragungder
venia legendi angesucht, als Gutachter wurdenGleispachundLöffler gewählt.
DasÜbertragung wurde im Dezember 1923 beschlossen und Streicher zum
ordentlichen Assistenten amUniversitätsinstitut für die gesamte Strafrechts-
wissenschaft undKriminalistikbestellt.5441926wurdeaufgrundderGutachten
vonGleispachundHold-Ferneck,545die sichpositivzudenArbeitenStreichers
zur bedingtenEntlassungund zumWahrsagen546 äußerten, Streichers Lehrbe-
fugnis auf Strafrecht und das Strafprozessrecht ausgedehnt. Im gleichen Jahr
wurde erfolglos ein Antrag auf Ernennung Streichers zum außerordentlichen
Professoreingebracht,alsdieser1928wiederholtwurdeerfolgtedieErnennung
Streichers zumaoProfessor.547NachderZwangspensionierungGleispachsmit
31.Oktober1933übernahmStreicherbereits imOktober1933dieLeitungdes
Universitätsinstituts für die gesamte Strafrechtswissenschaft und Kriminalis-
tik.548
Streichers Spezialgebiete lagen in der Kriminalistik: »Er war ein scharfer
541 SeperatvotumOttoDungers,UAGraz, JuristischesDek.1918/19, 840ex1918/19.
542 BerichtdesDekans,UAGraz, JuristischesDek.1918/19, 840ex1918/19.
543 Schreibender steiermärkischenLandesregierung andasDekanat,UAG, JuristischesDek.
Aktendeskrim. Institutes,Zl. 223ex1923/24.
544 SchreibendesDekans Sperl andasUnterrichtsministeriumvom17.12. 1923,ÖStAAVA,
UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton614,PersonalaktStreicherHubert.
545 Das Gutachten Hold-Fernecks, der sich den Anträgen des ersten Berichterstatters
(Gleispachs)anschließt, istmit20. 6.1926datiert.DasGutachtenGleispachshingegenmit
24. 6. 1926–somit vierTage später!Vgl.ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton
614,PersonalaktStreicherHubert.
546 Streicher,DasWahrsagen.
547 ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton614,PersonalaktStreicherHubert.
548 Schreiben des Dekans Degenfeld an das Unterrichtsministerium vom4.11. 1933,ÖStA
AVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton699,InstitutfürStrafrechtundKriminalistik.Die
GenehmigungdurchdasMinisteriumerfolgte am9.11. 1933.
StrafrechtundStrafprozessrecht 443
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik