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Erscheinen von Sanders »Staat und Recht« hinausgezögert, um die wahre Ge-
dankengenealogie zu verschleiern.118 Das war ein unverblümter Vorwurf des
Plagiats,undKelsenerstatteteunverzüglich,am7.Mai1923,Selbstanzeigebeider
Disziplinarkammer für LehrpersonenanderUniversitätWien.DerDisziplinar-
anwaltderUniversitätWien,WenzelGleispach,beauftragteAlexanderLöfflermit
derLeitungundDurchführungeinesBeweisaufnahmeverfahrens,welcherAdolf
Menzel zum Gutachter bestellte und mehrere Zeugen, darunter auch Sander,
einvernahm.SeineUntersuchungenführtendazu,dassdieDisziplinarkammeram
16. Juli beschloss, die Selbstanzeige zurückzulegen, da sich keinerlei Anhalts-
punkte fanden,einDisziplinarverfahrenauchnureinzuleiten.119
Ob tatsächlich einPlagiatsfall vorlagodernicht, lässt sichheutenichtmehr
ermitteln; bei einem so engenVerhältnis, wie es zwischenKelsenund Sander
über längere Zeit bestanden hatte, ist es durchausmöglich, dass beide im ge-
meinsamenGesprächgewisse Ideenentwickelten, vondenen jederderAnsicht
war,eswäreseineeigenegewesen,undsiedannzuunterschiedlichenZeitenzu
Papier brachte.120Wesentlich ist, dass Kelsen durch das Disziplinarverfahren
öffentlich »reingewaschen« wurde, während Sander nunmehr als Verleumder
dastand. Dies wurde ihm auch vorgehalten, als er imOktober 1923 erfolglos
versuchte, die venia legendi an der Deutschen Universität Prag zu erlangen.
Sander sah sich genötigt, imApril 1925 im »Brünner Tagesboten« seineVor-
würfe gegen Kelsen öffentlich zurückzuziehen; auf Vermittlung des Brünner
ProfessorsFrantisˇekWeyrkamesdannauchzueinerpersönlichenAussprache
undzumindest oberflächlichenVersöhnungzwischenSander undKelsen. Erst
danach, imNovember1928,erlangteSanderdieLehrbefugnisanderDeutschen
Universität Prag; imOktober 1930wurde er auch zumOrdinarius an der ge-
nanntenUniversität ernanntundwirktehierbis zuseinemTod1939.121
d) WeitereMitglieder; fakultätsinterneKämpfe
Von den sonstigen Mitgliedern des »Kelsen-Kreises« ist hier zunächst noch
WalterHenrichzunennen.122ErstammteausSiebenbürgenundhatte inKlau-
senburg [Cluj/RO] studiert,wo er 1910dasDoktorat der Staatswissenschaften
118 Ebd.65.
119 Olechowski,Busch,KelsenanderDeutschenUniversitätPrag1118.DieAffärewurdevon
KelseninderZÖRauchdokumentiert(»IneigenerSache«,ZÖR3[1922/23]499–502,699–
700); vgl. oben85.
120 In einem im Juni 1923 verfassten siebenseitigenMemorandum »In eigener Sache« hielt
Sander fest: »Ich habe nie eine seiner [Kelsens]Vorlesungen, hingegen er täglichmeine
Privatissimagehört!«Zit.n.Oberkofler, Spiegel 151.
121 Olechowski,Busch,KelsenanderDeutschenUniversität Prag1127.
122 18.4. 1888–8.5. 1955.Vgl. Perthold-Stoitzner,Henrich.
AllgemeinesundösterreichischesStaatsrecht 489
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik