Page - 550 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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JenePrivatdozententradiertendieTheoriedeswirtschaftlichenLiberalismus,
der Sozialismus undVerstaatlichungwie überhaupt jeglichen staatlichen Ein-
griff in die Wirtschaft ablehnte.381 Diese jüngereÖsterreichische Schule der
Nationalökonomie beschäftigte sich aus gegebenem Anlass der Krisen der
1920erJahrenunvorallemmitGeld-undKonjunkturtheorie.Mises,derbereits
1912 alsHabilitationsschrift eine »Theorie desGeldesundderUmlaufsmittel«
veröffentlichthatte, arbeitetediese 1924 inder zweitenAuflageweiter aus.Vor
allemimAustauschmitFriedrichHayek(»GeldtheorieundKonjunkturtheorie«,
1929),382 aber auchmit FritzMachlup (»Börsenkredit, Industriekredit undKa-
pitalbildung«, 1931) undRichard Strigl (»Kapital undProduktion«, 1934) be-
gründeteMisesdie»ÖsterreichischeKonjunkturtheorie«alsSozialwissenschaft,
die seinerzeit dieKonkurrentinderkeynesianischenTheoriewar.
Somit wurde an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät imUn-
tersuchungszeitraumdreierleiNationalökonomiegelehrt:
Die außeruniversitär organisierten PrivatdozentenwieMises, Hayek, Hab-
erlerundMachlupverbreitetenalsAustroliberale inderTraditionMengersund
Böhm-Bawerks die individualistisch-mikroökonomischeMethode, die auf die
Entscheidungen des Einzelnen abstellte, und lehrten demnach insbesondere
»Strukturdenken«383 undmethodologischen Individualismus. Ihre Lehre war
zwar imAusland hoch angesehen, doch konntenweder sie noch ihre Studen-
tinnenundStudenteninÖsterreichaufeineProfessur,oftnichteinmalaufeine
Dozentenstelle hoffen,weil sie vondenProfessoren zuwenig bis keineUnter-
stützung erhielten. Bis zum Jahr 1934 hatten die meisten Austroliberalen
Österreich bereits verlassenunddieArbeit der nochVerbliebenenwurde oft-
mals zensuriert,weswegen somit auchdieserZweigundLehrinhalt derÖster-
reichischenSchulederNationalökonomieabbrach.384
DerOrdinariusHansMayer galt zwar als letzter universitärerVertreter der
WienerSchule,vermochteabernicht,dieseweiterzuführen.ErstandinKonflikt
mitMisesundseinenSchülern,weilernichtderTraditionMengersundBöhm-
Bawerks folgte, sondern jenerFriedrichWiesers.385ZuMayersSchülernzählen
vor allemAlexander Gerschenkron, AlexanderMahr, Paul Rosenstein-Rodan,
HansBayerundOskarMorgenstern.
Die beiden anderenOrdinarien, FerdinandDegenfeld-Schonburg undOth-
mar Spann sowie deren Schüler, widmeten sich der theoriefeindlichenHisto-
381 Vgl.Mises,Kritikdes Interventionismus.
382 Vgl.Garrison, Theory.
383 Vgl. Streissler, StructuralEconomicThought.
384 Vgl.Klausinger,Mises toMorgenstern31 ff.
385 ZuUnterscheidung und Geschichte der beiden Zweige derÖsterreichischen Schule der
Nationalökonomie sieheBoehm,AustrianEconomics.
DiestaatswissenschaftlichenFächer550
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik