Page - 583 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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sitätsprofessor der PolitischenÖkonomie, der aber vorrangige Gesellschafts-
philosophie beziehungsweise »ganzheitliche«Ökonomie, die zugleich Sozial-
lehrewar, lehrte.Bereits imMärz1938wurdeihmdieVeniaentzogen,vondaan
bisAugust 1938war er inMünchen inhaftiert, danachdurfte er sich aufgrund
seiner Erkrankung nach Neustift an der Lafnitz ins Burgenland zurückzie-
hen.1939 wurde er zwangspensioniert, kämpfte deshalb nach 1945 um seine
Wiedereinsetzung an derUniversitätWien. Spannwurde aber zunächst beur-
laubtunddann,ohneseit1938eineVorlesunggehaltenzuhaben,1949mitvollen
Bezügenpensioniert. Er verstarbam8. Juli 1950 inNeustift.
Mit seiner Berufung nachWien im Jahre 1919warOthmar Spann als »Ge-
genpol zur linken Intelligenz«467 eingesetzt worden und konnte sofort großen
Zulauf seitens der deutschnationalen Studenten verzeichnen: »In the 1920
summersessionSpannachieved instant famewithasetof lecturesonthe Ideal
State (»Der wahre Staat«). As Spann’s reputation rapidly spread students
crowded into the halls to hear him lecture and cheered as he jabbed away the
failed ideas of the older generation – individualism, liberalism, materialism,
socialism, democracy – and held forth a vision of a renewed society where
cooperation rather than competitionwould reign.«468Spannwar ein brillanter
Rhetoriker und zog die Jugend in seinen Bann, indem er gesellschaftliche
Übereinkünfte undherkömmlichewissenschaftlicheTheorien inFrage stellte,
meist gänzlichverwarf. Insbesondere lehrte er sieUniversalismus: »Spannwas
theprophetof intuitiveuniversalism.According to thisdoctrine, knowledge is
gained by the intuitive envisioning of the essential features of sociological
wholes.Theseessencesalonearewhataredurableandreal.Unfortunately, they
cannotbeobserved,only intuited[…]Spannopposeddoctrines like liberalism
and individualismbecause they interferedwith the key insight that all values
mustbegrasped in termsof their collectivemeaning.«469
Die Studierenden waren begeistert und begrüßten Spann zu Beginn jeder
Vorlesungseinheit mit »ohrenbetäubend donnerndem Getrampel«.470 Einer
seiner Studenten, Ernst von Salomon, erinnert sich vor allemandasGemein-
schafts-, jaGanzheitsgefühl,dasSpannzuverbreitenverstand:»Icherlebtezum
erstenMale als Lernender das berauschendeGefühl, vonmir aus denDingen
hinzutunzukönnen, teilzuhabenamlebendigenFluss,amorganischenAufbau
einer Lehre, die,wenn sie richtigwar, alles, was ich tat unddachte,mit einem
vollenundgültigenSinn erfüllte.Und ich erlebte esnicht allein. SpannsAudi-
toriumwar immerüberfüllt.Die ›Spannianer‹bildetenaufderUniversität eine
467 Knoll, Beitrag69 ff.
468 Craver, Emigration9.
469 Caldwell,Hayek’sChallenge138.Zum»intuitivenUniversalismus«näherSchweinzer,
TwoCompetingParadigms.
470 Salomon, Fragebogen206.
Gesellschaftswissenschaft 583
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik