Page - 584 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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besondereGruppe, die größteGruppe vonallen, und,wie ichwohl behaupten
darf,auchdiegeistiglebendigste.InjederVerschwörer-EnklaveaufdenGängen,
indenHallenundvordenTorenwarenSpannianer,mitdemZiel einerkleinen
Extra-Verschwörung,wie ich vermute, – die beiden Spann-Söhne vermochten
schongarnichtandersdurchdieUniversitätzuschlendern,wosiegarnichtszu
suchenhatten, ohneununterbrochennachallenSeitenvertraulich zublinzeln.
Jeder einzelne von Spanns Schülernmusste das Bewusstsein haben, an etwas
selbermitzuarbeiten,wasmit seinerWahrheitmächtig genugwar, dieWelt zu
erfüllen, jedes Vakuum auszugleichen, an einem System, so rund, so glatt, so
kristallinisch in seinem innerenAufbau, dass jedermannhoffen durfte, in gar
nicht allzu langerZeit den fertigenSteinderWeisen inderHandzuhaben.«471
SelbstFriedrichHayek,dermitSicherheitkeinAnhängerSpannswar, erinnert
sich, dass er zu Beginn seiner Studienzeit kaum sagen konnte ob Spann ein
»crazygeniusorjustacrazyfool«472war.JedenfallswarSpannvielen(künftigen)
Studenten schonbekannt, bevor sie noch seineVorlesungen besuchten: »So I
went to theuniversity and IvisitedOthmarSpannbefore I enrolled.Yousee, I
had readsomethingbySpann.Hewas theonlyone Iknewabout.«473
SpannwettertegegenEmpirieundPositivismusundtat1923imVorwortder
zweiten Auflage seiner »Gesellschaftslehre« programmatisch kund, »die sog.
Beziehungslehre,diesozialpsychologischeSchule,dieethnologischeSchule,die
empiristische Richtung überhaupt« nicht mehr zu behandeln, denn »[d]iese
Schulenwerden ihr Sprüchlein bald ausgestammelt haben. Der Geist der Zeit
[…]kehrtsichvonderödenTatsachenjägereiab«.474Stattdessenentwarfereine
universalistisch-metaphysische Soziologie auf Basis vonmittelalterlichen und
romantischen Lehren: »Wir dürfen in den Geisteswissenschaften vor jenem
Begriffeder Innerlichkeitnichtzurückschrecken,denderSachgehalt erfordert,
undmüssen uns wiedermehr demmittelalterlichen Begriff derWissenschaft
nähern,denNotkerderDeutschevor fast tausendJahrendahinaussprach: ›Sie
ist aber verborgen imGeheimen, wie alleWissenschaft, d.h. im innernHer-
zen‹.«475DamitstandSpanninOppositionzurmarxistischenGesellschaftslehre,
wie sie vorallemMaxAdler vertrat.476
OthmarSpannwarzwaraufdenLehrstuhl fürPolitischeÖkonomieberufen
worden, lehrte aber viel eher Gesellschaftphilosophie.477 Seine Berufung hatte
471 Ebd.207 f.
472 FriedrichHayek, zit.n.Craver, Emigration6.
473 OskarMorgenstern, zit.n.Craver, Emigration10.
474 Spann,GesellschaftslehreVI.
475 Ebd.VII.
476 FüreineAuseinandersetzungAdlersmitdenLehrenSpanns sieheAdler, ZurKritik.
477 Kurt Rothschild, der Spanns Vorlesungen besuchte, meint: »Den Spann können Sie als
DiestaatswissenschaftlichenFächer584
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik