Page - 587 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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politischenFrontenoffenbartensichzumBeispiel imJuni1934,alsdieWahldes
Rektors fürdasdarauffolgendeStudienjahrvorzunehmenundturnusmäßigdie
Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät an der Reihe war. Da Spann als
deutschnational und Befürworter des Anschlusses an Deutschland galt und
somit »voraussichtlich der Regierung nicht die absolute Gewähr bieten kann,
dass er dieses Amt im Sinne des Grundprinzips der österreichischen Politik,
nämlichder staatlichenSelbständigkeit führenwürde«,490 stellte eineProfesso-
rengruppeHansMayeralsGegenkandidatenauf.BeiderWahlam20. Juni1934
einigteman sich schließlich auf denKompromisskandidatenAlexanderHold-
Ferneck.
Spann verlegte seine Aktivitäten daher alsbald ins nationalsozialistische
Deutschland,woernochChancenfürdenAufbaueines»echten«Ständestaates
sah:Schonseit1931hattederdeutscheKatholischeAkademikerverband(KAV)
in der Benediktinerabtei Maria Laach soziologische Tagungen veranstaltet.491
Das Ziel bestand vor allem im Brückenschlag zum Nationalsozialismus und
wurde vorangetriebenvonFranzXaver Landmesser, seit 1929Generalsekretär
desKAV,undIldefonsHerwegen,AbtvonMariaLaach.BeidewarenAnhänger
derStändestaatskonzeptionOthmarSpannsund luden ihnals »Ehrengast«zur
ersten Soziologischen Sondertagung. Dort war Spann allerdings der einzige
Redner, sodass während jener Tage ausschließlich sein Programmpräsentiert
wurde; er hielt drei Vorträgeüber Individualismus,Universalismus und stän-
discheOrdnung.492ZuspruchfanderinkatholischenKreisenvorallemaufgrund
der erst wenige Wochen zuvor ausgegebenen päpstlichen Enzyklika »Quad-
ragesimo anno«, die auf Gesellschaftsreformendrängte undunter diesemAs-
pektGedankenderberufsständischenOrdnungentfaltet.
DiezweiteSoziologischeTagungfandimMai1932zu»ChristlicheStändeidee
undihreVerwirklichung«statt,dienächstebereitszuZeitendesDrittenReiches,
nämlichvon21.bis23. Juli1933.UnterdemThema»DasnationaleProblemim
Katholizismus. Die Neuordnung von Gesellschaft und Staat im Lichte des
Reichsgedankens«diskutiertenmitOthmarSpannunteranderemCarlSchmitt
undFranzvonPapen,dergeradeausRomgekommenwarund inMariaLaach
feierlich über denAbschluss des Konkordats berichtete, sowie zahlreicheNa-
tionalsozialistenausdemRheinland.EingeladenwarauchHermannGöring,der
sein Kommen jedoch kurzfristig absagte. AbtHerwegen hielt eine brennende
Rede aufAdolfHitler, die die BemühungenumeinePartnerschaft vonKatho-
lizismusundNationalsozialismusdarlegen: »Wasauf religiösemGebiet dieLi-
490 Wahlkampf umRektorswürde, in: Die Stunde, 8.6.1934, 1 (SOWIDOK, AKWien, Tag-
blattarchiv,MappeOthmarSpann,Wienbibliothek imRathaus).
491 ZumFolgendensieheConze, Europa52 ff.
492 Nachzulesen in: Die soziologische Tagung von Maria Laach 1931, in: Der katholische
Gedanke, 5/1932, 92–102.
Gesellschaftswissenschaft 587
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik