Page - 633 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
Image of the Page - 633 -
Text of the Page - 633 -
senschaftlichen Fakultät waren Alfred Ploetz zufolge gut besucht.609 Obwohl
keine Aufzeichnungen seiner Vorlesungen erhalten sind, gehe ich davon aus,
dassReicheldenangehendenJuristinnenundJuristenwohl seineAnliegenaus
Rassenhygiene vortrug, die juristisches Fachwissen erforderten, insbesondere
im Bereich der Bevölkerungspolitik. Dazu zählten u.a.: steuerpolitische und
sozialversicherungstechnische Maßnahmen wie eine Umschichtung von kin-
derlosen auf kinderreiche Ehepaare beziehungsweise eine Novellierung des
Erbrechtes; Maßnahmen zur »differentiellen Geburtenrate« wie Eheverbote
oder eine verpflichtende Eheberatung und damit Einholung eines Ehetaug-
lichkeitszeugnisses,daserblichbelasteteMenschenvonderHeirat–unddamit
von der Fortpflanzung – ausschließen sollte; Siedlungspolitik wie etwa eine
demographische UmschichtungWiens inMänner- und Frauenareale; Beach-
tungdergenetischenQualitätbeiderLandvergabe;eugenischeMaßnahmenwie
diedamalsnochstrafbareSterilisationrespektiveKastration.VorallemReichels
»Sozialhygienische Seminar«, das ab demWintersemester 1923/24 im Vorle-
sungsverzeichnis der Rechts- und Staatswissenschaften aufscheint, soll ein
Treffpunkt für sozialhygienisch und eugenisch interessierteMediziner/innen,
Jurist/inn/en, Fürsorger/innenundStudierendegewesensein.610
HeinrichReichel saß in jenen Jahren auch imgesundheitspolitischenBera-
tergremium des BundespräsidentenMichael Hainisch und gründete 1928 ge-
meinsammit JuliusWagner-Jauregg, Julius Tandler und anderen den »Öster-
reichischenBundfürVolksaufartungundErbkunde«,dessenwissenschaftlichen
BeiratauchHansKelsenangehörte.ReichelwaraußerdemalsMitgliedder1924
gegründeten »Wiener Gesellschaft für Rassenpflege« und der »International
FederationofEugenicOrganisations«einzentralerProtagonistdereugenischen
BewegungderZwischenkriegszeit.
Als er 1933 als ordentlicher Professor nachGraz berufenwurde, bedeutete
dies auchdasEnde fürdieHygienelehrveranstaltungenanderWienerRechts-
und Staatswissenschaftlichen Fakultät. Reichel verstarb am 31.März 1943 in
Graz.
J. Staatsverrechnungswissenschaft (TamaraEHS)
1. Allgemeines
Staatsverrechnungswissenschaft (manchmal auch: Staatsrechnungswissen-
schaftoderVerrechnungskunde)umfasstedieWissenschaftvomStaatshaushalt,
609 Vgl.Ploetz, Lebensbild520.
610 Vgl. Schinzel,HeinrichReichel 196.
Staatsverrechnungswissenschaft 633
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik