Page - 658 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
Image of the Page - 658 -
Text of the Page - 658 -
die Absicht der Fakultät, die auf Berufung Ulmers gerichtet war, nicht von
vornherein auf schwersten Widerstand seitens des damaligen Ministeriums
stossen.Wir […]wussten,dassBayerFavoritdesMinisteriumswarundnur in
dempolitisch gleichgerichtetenWiener Privat-Dozenten Dr.Westphalen […]
einenernsthaftenKonkurrentenhatte. […]Ulmer[war]aus fraglospolitischen
Gründen zugunsten Bayers übergangen […] worden. Dies geht nicht zuletzt
auch daraus hervor, dass Professor Bayer in einemMinderheitsvotumdes jü-
dischenProfessorsWolff unddes legitimistischenProfessorsHerdlitczka […]
anzweiterStellegenanntwurde.Sicher istdiesnichtohnegenaueKenntnisder
Wiener Stimmungen geschehen. Nur durch dieses Minderheitsvotum konnte
Bayer, ohne dass die Fakultät formell brüskiert werden musste, ihr aufge-
zwungen,Ulmeraberpraktischabgetanwerden.«81
G. DieDeutscheUniversitätPrag82
Durch die Teilung der Karl-Ferdinands- Universität in Prag boten ab dem
Wintersemester1882/83zweiUniversitäten–einedeutscheundeineböhmische
– ein rechts- und staatswissenschaftliches Studium in der böhmischen Lan-
deshauptstadt an. Damit sollte das immer wieder in Prag aufflammende Na-
tionalitätenproblem zwischen den Tschechen und den Deutschen besänftigt
werden.Dochauch indenfolgendenJahrenkames immerwiederzustärkeren
Konflikten zwischendenbeidenNationalitäten, die auchzwischendenStudie-
renden der beiden Universitäten ausgetragen wurden: So beispielsweise die
»Badeni-Krawalle«1897/98,diedenSprachenverordnungenunddemRücktritt
derRegierungBadeni folgten.Esgingsoweit,dassdie»Burschenschaftler […]
über eine Verlegung der deutschen Universität in ein rein deutschsprachiges
Randgebiet Böhmens [berieten].«83 Insbesondere Reichenberg [Liberec/CZ]
oderLeitmeritz [Litomeˇrˇice/CZ]boten sich fürdieseZweckean.
Diese Pläne gewannen neue Aktualität, als am 29.Oktober 1918 das Land
Deutschböhmengegründetwurde.84DietschechoslowakischeRegierungjedoch
81 UA Innsbruck, Aufbauplan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät Innsbruck
vomJuni1938, zit.n.Lichtmannegger,Rechts-undStaatswissenschaftlicheFakultät 170.
82 Vgl.Lemberg,Universitäten innationalerKonkurrenz;Konrád,DeutscheUniversität.
83 Hochgerner, StudiumundWissenschaftsentwicklung200.
84 Sowurdeetwa ineinerAufstellungdesdeutschösterreichischenStaatsamtes fürUnterricht,
an welchen deutschenUniversitäten die Czernowitzer Professoren unterzubringen seien,
anstelle der Deutschen Universität Prag eine (noch nicht existente!) »Universität Prag-
Leitmeritz« genannt: ÖStA AVA, Unterricht Allg., Univ. Czernowitz, Karton 1185. Zur
Gründungdes LandesDeutschböhmenund zu seinerVerfassung vgl. das PilsnerTagblatt
Nr. 292 vom 31.10. 1918, 2, sowie Birke, Der Erste Weltkrieg und die Gründung der
Tschechoslowakei392.
DieösterreichischeUniversitätslandschaftum1918658
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik