Page - 713 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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tem,daseinerseits inderachtklassigenVolksschuledieAusbildungdesbreiten
Volkes und andererseits im Mittelschulwesen mit daran anschließenden
HochschulenundUniversitäten dieRekrutierungder herrschenden Schichten
vorsah.DieserZweiteilung folgteauchdieLehrerbildung:DieGymnasiallehrer
wurdenanhöherenSchulenausgebildet,wohingegenVolksschullehrer/innenin
vierjährigen Lehrerbildungsanstalten, wo sie bereitsmit 15 Jahren aufgenom-
menwerdenkonnten, ihrenBeruf erlerntenundnachReifeprüfungund zwei-
jährigerDienstzeitdieLehrbefähigungsprüfungablegten.
Inder liberalenÄra allerdingswar inWienam12.Oktober 1868 ein städti-
sches Lehrerseminar, dasPädagogium, eröffnetworden.Dieseswar eine Fort-
bildungsanstalt für LehrendederGemeindeWien.1905war esderVerwaltung
des Landes Niederösterreich unterstellt worden, womit eine Ausweitung des
Lehrangebotes zur Grundausbildung einherging. An dieser Lehrerakademie
unterrichtetenauchUniversitätsprofessorenwieetwaderHistorikerJosefHirn.
NachdemWien 1922 ein selbständiges Bundesland gewordenwar, wurde das
Pädagogiumwieder ins Eigentum der Gemeinde zurückgeführt, um im nun-
mehr RotenWien künftige Lehrer/innen in wissenschaftlichemDenken und
moderner Pädagogik auszubilden. So folgte am 13. Jänner 1923 auf die Leh-
rerakademie des Pädagogiums offiziell das Pädagogische Institut, dessen Lei-
tungViktor Fadrusübernahm.Fadruswar einWeggefährteOttoGlöckels und
von diesem 1919mit der Leitung der Schulreformabteilung (für Volks-, Bür-
gerschulen und Lehrerbildungsanstalten) im Staatsamt für Unterricht betraut
worden,wo er anderUmsetzungder sozialdemokratischen Schulreformpläne
gearbeitet hatte. Nach dem Ende der Koalitionsregierung unter sozialdemo-
kratischer Beteiligung konnten die Reformen nurmehr imBundeslandWien
verwirklichtwerden.Denndie Sozialdemokrat/innen forderten, die Lehrerbil-
dungandieUniversitäten zu verlagern,wohingegendieChristlichsozialen für
denAusbau der Lehrerbildungsanstalten eintraten und eine universitäre Aus-
bildungderLehrer/innenverhindernwollten.
DaeinebundesweiteReformalsonicht inAussicht stand, fassteman inder
Wiener Gemeinderatssitzung vom17. Juli 1925 den Beschluss wenigstens der
Einrichtung viersemestriger hochschulmäßiger Lehrerbildungskurse am Päd-
agogischen Institut.DieWiener Reformpädagog/innen hatten sich erst gegen
diese hochschulähnlichen Kurse gewehrt, weil sie eben nur hochschulmäßig
waren. Die Bildungsreformbewegung hatte immerhin ein vollwertiges Hoch-
schulstudium für alle Lehrer/innen gefordert. Dieses Ziel der einheitlichen
Ausbildung aller Lehrenden an einer Universität entsprach dem (sozial-)de-
mokratischen, liberalenGedankenderBildungs-unddamitChancengleichheit.
DasRoteWienwähltedaherdenAlleingangundermöglichte amPädagogi-
schen Institut eine wissenschaftsfundierte Lehrerbildung. Ab dem Jahr 1925
wurdendortnebendenAbsolvent/innenderaltenLehrerbildungsanstaltenzur
AkademischeVereineundaußeruniversitärewissenschaftlicheVereinigungen 713
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik