Page - 723 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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festundgabalsRichtungderKritikvor:»Wirwollenalsogeradedasleisten,was
deroffizielleStaatbisherentwederübersiehtoderbewußtvernachlässigt.«60Der
Neuwert der Volkstümlichen Universitätsvorträge lag in der Akademisierung
der Volksbildungsarbeit durch systematische Bildung mittels themenspezifi-
scherKursedurchUniversitätslehrerinnenund-lehrerübereinganzesSemester
hinweg. Viele jener herausragenden Frauen undMänner, die die Universität
Wienbekanntmachten,warenbeidenVolkstümlichenUniversitätsvorträgenim
Einsatz, unter anderem Friedrich Jodl, Ernst Mach, Julius Tandler; von der
Rechts-undStaatswissenschaftlichenFakultätzumBeispielEdmundBernatzik,
EugenvonPhilippovichundHansKelsen; außerdemdieDichter/inMarie von
Ebner-EschenbachundFerdinandvonSaar;aberauchdieAbgeordnetenGustav
Marchet, JuliusOfner,EngelbertPernerstorferundKarlSeitz.
Die Statuten der Volkstümlichen Universitätsvorträge sahen in §1 die
»FörderungderwissenschaftlichenAusbildungjenerVolkskreise«vor,»welcher
bisher die akademische Bildung unzugänglich war.«61 Tatsächlich überwand
damit dasWissendieGrenzendesWienerUniversitätsgebäudes als einer laut
ChristianStifter»ausschließlichdergesellschaftlichprivilegierten(männlichen)
Elite vorbehaltenen Wissensagentur«62. Die Volkstümlichen Universitätsvor-
trägegabenderVolksbildungeineneueStrukturundhobensieaufeinehöhere,
wissenschaftlichere Ebene. Ein Kurs – abgehalten in Schulen, kommunalen
GebäudenundAußeninstitutenderUniversität (dasHauptgebäudedurfte,wie
oben erwähnt, nicht verwendetwerden)63 – bestand aus insgesamt sechsVor-
trägenanwöchentlichaufeinander folgendenAbenden(zu jeeinerStundeplus
einer halben Stunde für die Diskussion mit den Hörenden, beginnend um
19.30Uhr). Gehaltenwurden diese Kurse von Professoren, Dozent/innen und
Assistent/innen im Auftrag der Universität Wien. Mit Ausnahme der schul-
pflichtigenKinderwarendieKursefürallezugänglich,diedasEintrittsgeldvon
einer Krone bezahlten. Zur Nachlese waren die Vorträge auszugsweise in der
Wochenschrift (später 14-tägiges Erscheinen)DasWissen für alle. Volksthüm-
licheVorträgeundpopulärwissenschaftlicheRundschau,derzwischen1901und
1912wichtigstenpopulärwissenschaftlichenZeitschriftdesHabsburgerreiches,
abgedruckt. EineNeuerunggegenüberderbisherigenVolksbildungsbewegung
60 Hartmann,Volkshochschulwesen1.
61 Statut für die EinrichtungvolksthümlicherUniversitätsvorträgedurchdieWienerUniver-
sität (genehmigtmitMinisterialerlassvom14.10. 1895).
62 Stifter, Emanzipation25.
63 DieVolkstümlichenUniversitätsvorträgekooperiertenbeiderAbhaltungderKursedeshalb
mit der StadtWien, die zahlreicheRäumegünstig vermietete odermeist unentgeltlich zur
Verfügungstellte, zumBeispielGemeindehäuseraber vorallemSchullokale,beispielsweise
den Handarbeitssaal der Mädchenvolksschule in der Burggasse 14 (7. Bezirk) oder den
ZeichensaalderKnabenbürgerschuleamEnkplatz4 (11.Bezirk).
WienerVolks-undArbeiterbildung 723
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik