Page - 731 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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wusst,dasssichdasVolksheiminden1920erntrotzderpostuliertenNeutralität
derWienerVolksbildungvermehrtdemAustromarxismusöffnete.Umsomehr
war er darauf bedacht, auch Vertreter/innen anderer politischer undwissen-
schaftlicher Positionen zuWort kommen zu lassen. 1923 verlautbarte Schiff
daher in derArbeiter-Zeitung: »Die anregende und reibungslose Zusammen-
arbeit vonDozentenundHörern, sowohl bei den ›Uebungen‹ als auch anden
Fachgruppenabenden,beweist,daßeshiergelungenist,einergroßenGefahrzu
entgehen, die allen derartigen sozialwissenschaftlichenKursen droht: derGe-
fahr, einseitiger, parteipolitischerOrientierung nach irgendeiner Richtung. In
der Tat ist es auf keinemanderenGebiet so schwer, wie auf diesem, volleOb-
jektivität zubewahren.Daßdieses imVolksheimgeschieht,dafürbietet sowohl
dieLeitungdesVolksheimsals auchdiePersonenvolleGewähr, denendieAb-
haltungder sozial-wissenschaftlichenKurseanvertraut ist«80.
Tatsächlich lehrten in der Staatswissenschaftliche Fachgruppe in der Zwi-
schenkriegszeit neben dem ausgewiesenen Marxisten Max Adler (der zum
Beispiel im Studienjahr 1932/33 Karl Marx und die Wissenschaft besprach)
zahlreiche Rechts- und Staatswissenschafter, die nicht demAustromarxismus
zuzurechnenwaren,unterihnenHansBayer,derindenJahren1934und1935in
der Fachgruppe den KursWirtschaftspolitische Aufgaben der Gegenwart. Be-
sprechungenundÜbungenzurWirtschaftstheorieundWirtschaftspraxis leitete,
sowie StephanBraßloff, der 1930Fachgruppenkurse zudenThemenModerne
Rechtsgedanken imheutigenRecht sowieDerKampf umsRecht undderGüte-
gedanke in der modernen Rechtsauffassung anbot und 1931/32Übungen aus
dem bürgerlichen Recht abhielt. Außerdem sind Emil Goldmanns Kurse Die
Anfänge der Nationalitätenbewegung im altenÖsterreich (1930/31) und Die
Entwicklung der agrarischen Verhältnisse Ostelbiens in der Neuzeit (1934/35)
anzuführen; des weiteren Wilhelm Schlesinger, der 1922/23 privatrechtliche
FälleausseinerPraxisalsRechtsanwaltbesprach,undRichardStrigl,der1922/
23einenLektürekursübernationalökonomischeSchriftenhielt.
NebendenPrivatdozentenund(außerordentlichen)Professorenwarenauch
zahlreiche Absolventinnen und Absolventen derWiener Rechts- und Staats-
wissenschaftlichen Fakultät in der Staatswissenschaftliche Fachgruppe tätig,
insbesondere die sozialwissenschaftlich arbeitendenDoktorinnenundDokto-
ren, für die eine universitäre Laufbahn ohnehin kaummöglichwar, wie etwa
LudwigBirkenfeld,AlbertLauterbach, FritzMachlup,LeoStern81,HansZeisl82
80 WalterSchiff, SozialwissenschaftlicheKurse, in:Arbeiter-Zeitungvom7.10.1923.
81 Leo Stern (eigentlich Jonas Leib Stern) promovierte 1925mit derDissertationDie sozial-
ökonomischenundpolitischenGrundlagendesMerkantilismuszumDr.rer.pol.(sieheUAW,
PromotionsprotokollfürdasDoktoratderStaatswissenschaften,Bd.1,Sign.M37.1,Nr. 239)
undwar anschließend bis 1932wissenschaftlicher Assistent beiMaxAdler in der Sozial-
ökonomischenAbteilung; zudem leitete er dort bis 1934 dieMarxistische Studiengemein-
WienerVolks-undArbeiterbildung 731
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik