Page - 298 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Guadagni-Habsburg, Volume 6
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Sabsburg — Joseph 298 Habsburg — Joseph
selben
sich fern zu halten, andererseits um
sich für die Aufgabe, die ihm als Allein»
Herrscher einst bevorstand, ernstlich vorzu-
bereiten, begab er sich auf Reisen. Kein
Fürst seiner Zeit war so diel und so weit
umhergereist wie Joseph. Zuerst besuchte
er alle seine Erbstaaten, sich mit dem
Zustande dieser Länder, die er dereinst
zu regieren berufen war, genau bekannt
machend, deren bäuerliche Verhältnisse,
die Wirkung der Steuern, die Verhält-
nisse des Handels und des Ackerbaues,
der Armee und die Vertheidigungsmittel
des Staates prüfend und in's Einzelne
studirend. Die Noth fand an ihm den
rettenden Engel; wo er ihr in seinen
Ländern begegnete, sann er auf Mittel
zur Abhilfe und schuf dieselben; wo
Mißwachs gewesen, ließ er Getreide hin«
schaffen; nach Siebenbürgen schickte er
tüchtige und opferfähige Aerzte, welche
die Pest studirten und dieser fürchterlichen
Geißel der Menschheit Einhalt thun
sollten, und verbesserte wesentlich die
Contumazanstalten; in Gegenden, welche
an Mangel der Lebensbedürfnisse und
an Theuerung litten, zwang er wuche»
rische Vieh» und Getreidehändler, ihr
Vieh und Getreide nach den Städten
zu schaffen und es zu entsprechenden
Preisen hintanzugeben. Wenn er in seiner
glühenden Menschenliebe zum Wohle, ja
zur Rettung der Allgemeinheit scheinbar
in die Privatrechte des Einzelnen eingriff,
so benutzten dieß arglistig genug seine
Gegner zu Angriffen auf den großen
Fürsten, vergessend oder richtiger ver-
schweigend, daß es eine viel größere
Verletzung aller Menschenrechte, dieser
ursprünglichen Privatrechte ist, die Bür-
ger eines Staates darben und ver»
kümmern zu lassen, weil der Wucher
und unerlaubte Gewinnsucht kein Mittel
scheuen, verbrecherische Zwecke zu eigenem Vortheil auf Kosten Aller zu erreichen.
Dem Kaiser leuchtete unter allen Um-
ständen sein erhabener Sinn, das Rechte
unter dem verwahrlosten Recht zu retten,
wie ein glänzender Stern vor. Daß ein
Fürst solchen Sinnes, wie Kaiser Joseph,
für den größten Zeitgenossen, König
Friedrich, wenn er gleich sein Gegner
auf dem Schlachtfelde war, von Bewun»
derung hingerissen werden mußte, ist
leicht erklärbar; sie waren Beide eben nur
Gegner im Felde, aber im Herzen Eins
in ihrer Absicht, ihre Völker groß und
stark zu machen. Waren Oesterreichs
Völker zu Joseph's Zeit auf einer
höheren Stufe der Bildung gestanden,
so hätte Kaiser Joseph eben so wenig
von ihnen mißverstanden werden kön»
nen, als Friedrich es von den seini»
gen ward. Dieselbe Bewunderung aber,
welche Joseph für Preußens Fried«
rich hegte, hegte dieser für Oesterreichs
Joseph; in Friedrich's Arbeitszimmer
sah man Joseph's Büste und in des
Kaisers Cabinet Friedrich's Bildniß.
Als die beiden Zusammenkünfte dieser
zwei großen und merkwürdigen Fürsten
in den Jahren 1768 und 1769, die erste
auf preußischem Gebiete im Lager zu
Neisse, die zweite auf österreichischem
Boden im Lager zu Mährisch-Neustadt,
stattfand, geschah sie ohne alles Ceremo«
niel, da die beiden gekrönten Philosophen
sich nur rein menschlich genießen und
über die Angelegenheiten der Menschheit
berathen wollten. Als er dann Italien,
einige Jahre später die Niederlande,
welche damals österreichisch waren, und
dann Frankreich, besuchte, unternahm er
diese Reisen nicht, um sich zu erlustigen
sondern, wie es die zahlreichen Schilderun»
gen, welche über dieselben vorliegen,
beweisen, um sich über die verschiedenen
Einrichtungen in diesen Ländern zu unter«
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Guadagni-Habsburg, Volume 6
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Guadagni-Habsburg
- Volume
- 6
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1860
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 502
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon