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Habskurg — Joseph 299 Habsburg — Joseph
richten, das Nützliche und Entsprechende
in seinen Ländern einzuführen und seine
reiche Kenntniß fremder Völker, ihrer
Sitten und Einrichtungen in seinen
eigenen Staaten praktisch anzuwenden.
Als er nach dem Tode seiner Mutter als
Alleinherrscher die Regierung übernahm,
waren es neben Einführung der oben
erwähnten Gleichheit vornehmlich zwei
Angelegenheiten, die ihn vor allen ande-
ren beschäftigten, nämlich die Einschrän«
kung des Einstuffes der Geistlichkeit und
der päpstlichen Gewalt und die Ver»
treibung der seine Grenzländer stets
beunruhigenden Türken. In letzterer Ab-
sicht reiste er nach Moskau, um sich mit
der Kaiserin Katherina über einen
mit Rußland gemeinschaftlich zu unter»
nehmenden Feldzug gegen die Osmanen
zu berathen. Dann in seine Staaten
zurückgekehrt, begann er mit rascher Hand
die Reformen; wie schon als Mitregent
umgab er
sich nunmehr als Selbstherrscher
mit den ausgezeichnetsten Denkern seines
Reiches; ertheilte größere Preßfreiheit;
hob die Verbindung der geistlichen Orden
mit Rom mit einem Federzuge auf;
erließ das Toleranz>Edict; vermittelte
den Juden größere Duldung und Rechte;
schaffte die Leibeigenschaft ab; hob eine
Menge von Mönch, und Nonnenklöstern
auf, welche keine Schulen hielten oder
sich der Seelsorge oder Krankenpflege
nicht widmeten; verbesserte das Kirchen-
wesen; reorganisirte die Polizei; schaffte
die Todesstrafe ab, und wendete das
Entsprechende an, um den Lcmdbau zu
heben. Papst Pius, betroffen über die
Reformen Ioseph 's und die Einziehung
der Kirchengüter, begab sich persönlich
nach Wien, wo er wohl cine ausgezeich-
nete, seiner hohen Kirchenwürde angemes-
sene Aufnahme fand, aber den eigent-
lichen Zweck seiner Reise nicht erreichte. Selbst die im darauf folgenden Jahre
vom Kaiser nach Rom unternommene
Reise blieb eben so erfolglos. Als nun
Joseph an die Staatsformen seine
schöpferische Hand anlegte, dieselben in
allen ihm unterthänigen Ländern in
gleicher Weise eingerichtet werden soll»
ten, da waren es die bevorzugten Clas«
sen der einzelnen Nationalitäten, welche
ihnen widerstrebten. Während das Volk
in Oesterreich seinen Kaiser anbetete,
erhoben sich in den Niederlanden der
Adel, die Geistlichkeit und die Advo-
caten und bethörten das Volk, welches die
kaiserlichen Besatzungen aus dem Lande
vertrieb; Tirol, von seinen eigen«
thümlichen Rechten und Gewohnheiten
nicht lassen wollend, empörte sich; in
Ungarn, wo der Versuch, eine gleich-
mäßige Verfassung in allen Erbstaaten
einzuführen, das Nationalgefühl ver-
letzte, entstand eine große und gefährliche
Gährung; mit Holland gerieth der Kaiser
wegen der freien Schifffahrt auf der
Schelde in Händel. Tief im Innersten
verletzt, seine großen Absichten überall
verkannt zu sehen, in seinem Eifer für
das Gute und Große nur auf Hindernisse
und Widerstand zu stoßen, wurde er über
solchen Undank nicht nur geistig nieder«
gedrückt, sondern auch körperlich krank.
Schon tief erkrankt, unternahm er mit
Rußland gemeinschaftlich (1787) den
Feldzug gegen die Türken. Starke
Mittel sollten die Krankheit unterdrücken.
Lascy's falsches System der Krieg-
führung machte den Feldzug scheitern,
ind verstimmter und kranker, als der
Kaiser in den Feldzug gezogen war.
kehrte er aus demselben zurück. Noch
erregte sein auf gleichere Vertheilung der
Lasten berechnetes Steuergesch (1789)
neue und nicht minder heftige Unzu-
friedenhciti das Alles warf den an
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Guadagni-Habsburg, Volume 6
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Guadagni-Habsburg
- Volume
- 6
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1860
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 502
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon