Page - 434 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Guadagni-Habsburg, Volume 6
Image of the Page - 434 -
Text of the Page - 434 -
Zabsburg — Leopold 434 Habsburg — Leopold
für den Fall der Abwesenheit sin oon-
tumaeiaiii); die Geldstrafen waren für
einen Fond bestimmt, aus welchem die
unschuldig Verhafteten entschädiget wur«
den. Das bisherige Zollsystem aufgebend,
welches die einzelnen Städte des Groß»
hcrzogthums isolirte, gab er den Handel
mit allen Lebensmitteln frei, hob die
Privilegien der einzelnen Genoffenschaf'
ten auf, bewilligte Preise für die Erzeug-
nisse der Industrie und baute für den
Transport der Waaren Straßen und
Canäle. Er schaffte den Frohndienst der
Landleute ab, bestellte die Verwaltung
der Gemeinden aus den Bewohnern
der Ortschaften, gründete Collegien und
andere Unterrichtsanstalten und Hospize
für Arme. Mit Erfolg führte er die
Austrocknung und den Anbau vieler
Sümpfe (Maremmen, wie sie
dort heißen)
aus. Zur Förderung des Landbaues
stiftete er die ^oaäsmig. Osoprülorura.
Gewisse Steuern, die schwer den Land»
mann belasteten und dem Schatze wenig
einbrachten, schaffte er ab, verzichtete
auf drückende Monopole, wie auf die
für jede Familie bestehende Verpflich-
tung, eine bestimmte Menge Salz zu
kaufen. Den Anbau des Tabaks, den
Handel mit geistigen Getränken und die
Eisengußwerke gab er frei. Die durch
diese Reformen in den Einnahmen ent-
standenen Ausfälle deckte er nicht nur
durch entsprechende Ersparungen, ins-
besondere durch eine minder kostspielige
Verwaltung, sondern er steigerte sogar
die Einnahmen um 1,238.000 Livres für
das Jahr, und im Zeitraume von 27
Jahren verringerte er die Staatsschuld
von 87</2 Millionen auf 24 Millionen,
indem er zu diesem Zwecke seine eigenen
Einkünfte und die Mitgift seiner Frau
verwendete. Dreißig Millionen wendete
er zu Verbesserungen an und ließ noch, nachdem er die Hauptstadt und mehrere
andere Städte verschönert hatte, fünf
Millionen im Schatze seinem Nachfolger
zurück. Dabei liebte es Leopold, Alles
selbst zu machen, denn das Volk blieb
allen diesen Reformen, von denen es
nichts verstand, fremd, und die Bürger
waren wenig geneigt, sich mit dem
Studium der öffentlichen Angelegenheiten,
welche die Regierung sich vorbehalten zu
haben schien, zu beschäftigen. Sonach
konnte Leopold schalten und walten,
wie es ihm gut dünkte, wodurch es wohl
auch geschah, daß er in Kampf mit Mei«
nungen gerieth und einzelne Interessen
verletzte. Gleich seinem Bruder Joseph
griff er mit seiner Gewalt als Regent
in die gewagtesten Fragen des Dogma
und in das Ceremoniel des Cultus ein.
Vorerst stiftete er (1783) zur Förderung
aufgeklärter Religionsbegriffe zu Prato
die ^.CÄlieraia eoolsLiÄLtioa 1^60^>o1<1i;
wendete alsdann seine ganze Macht an,
um die Reformen, welche ihm der Bischof
von Pistoja, Scipio Ricci, in Antrag
brachte, auszuführen, ordnete die An-
nähme der jansenistischen Lehren über
die Gnaden an und unterließ kein Mittel,
um die öffentlichen Kundgebungen der
Volksfrömmigkeit, als da sind Proces-
sionen, Ausstellungen von Heiligenbil»
dern, Wallfahrten u.dgl. m., abzuschaffen.
Ricci, welcher seinen Ideen durch die
berühmte Synode von Pistoja die San»
ction zu verschaffen gedachte, fand aber
nicht alle Bischöfe zu deren Annahme
bereit. Dieser Umstand, verbunden mit
unruhigen Bewegungen der Landleute
von Prato, welche durch die von Ricci
angeordnete Wegnahme eines Altars her-
vorgerufen wurden, und einige andere
Umstände ließen Leopold bedenken, ob
die Einmischung des Staates in rein
kirchliche Fragen auch angemessen fei.
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Guadagni-Habsburg, Volume 6
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Guadagni-Habsburg
- Volume
- 6
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1860
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 502
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon