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Weltanschauung heworgegangene Idee aus.
„Des Menschen Bestimmung ist Leben im edleren
Sinne, harmonische Wirksamkeit der Seele und
des Körpers; wer in der Kunst etwas Tüchtiges
schaffen will, fuße fest im Leben, denn nur die
Kunst, die aus dem Leben schöpft, wirkt zurück
auf's Leben." Für's Zweite wußte er allen
seinen Schöpfungen ein eigenthümliches Ge-
präge zu geben, so daß, wer mit den Weisen
seiner Muse nur etwas sich vertraut machte,
gewiß von jedem seiner Werke, ohne früher den
-Namen des Verfassers zu lesen, erkannt haben
würde, daß es von Halirsch sei; ohne Zweifel
ist diese Eigenthümlichkeit in einer Periode, wo
die Mehrzahl selbst der Begabteren ihre Gedan»
ken nur in die Formen zur Mode gewordener
Tonangcber gießt, wo man es bequemer findet,
sich einer sogenannten Schule anzuschließen,
oder im Chorus einer beliebt gewordenen Clique
mitzusingen, als sich eine eigene Bahn zu
brechen und sie beharrlich zu verfolgen, ein nicht
geringes Verdienst um die Vindicirung der poe-
tischen Selbstständigkeit, die dann am Ende
doch allein dem Dichter bleibende Dauer uer«
sichert. Für's Dritte hatte er trotz aller Mangel
im Einzelnen, trotz allen Ringens mit wider»
strebenden Elementen, trotz aller Fehlgriffe in
Stoff und Form, es zu jener Stufe des
Geschmackes und der Bildung gebracht, auf
welcher die Feder eines Schriftstellers, nebst
ihren positiven Vorzügen auch den nicht wenig
seltenen negativen besitzt, nichts produciren zu
können, was ganz verfehlt oder geradezu
geschmacklos wäre." Ueber Halirsch den
Menschen gibt uns folgende Stelle aus einem
seiner Briefe Aufschluß, die auch seine öftere
Verkennung und schiefe Beurtheilung im Leben
erklärt. I n einem vertraulichen Briefe aus
Italien schreibt er.- „Eines hoffe ich allerdings,
daß es mit der Zeit durch die neue Umgebung
und durch reichere Erfahrungen gemildert oder
vielmehr ganz getilgt werde; dieß ist die krank-
hafte Heftig« und Bitterkeit, die mich oft nicht
allein gegen das Schlechte, sondern auch gegen
das überwältigt hat, was man ertragen soll
und muß — ein Ucbel, das mir viele Unannehm»
lichkeiten zugezogen hat, das aber jetzt, ich fühle
es deutlich, einer humaneren Toleranz Platz zu
machen anfängt, in der ein großer Theil des
Glückes oder der wahren Philosophie besteht."
Diese Intoleranz des Dichters entstand aber
nicht aus seinem Bewußtsein eines moralischen
Uebergewichtes oder etwa aus Eitelkeit und
Selbstüberschätzung, sondern, wie Willibald
Mexis einem seiner Freunde in Hinblick auf ihn richtig bemerkt: „Verwundende Verhält-
nisse können auch einem ursprünglich gesunden
Sinn Stacheln und Waffen in die Hand geben,
die wieder verwunden". Zur Erklärung seiner
vorherrschend trüben Gemüthsstinnnung diene
die Thatsache, daß ihn die Hypochondrie durch
sein ganzes Leben verfolgte; aus ihr entsprang
eine für ihn und seine Umgebung gleich störende
Reizbarkeit des Gemüthes, die sich immer erst
dann, aber nur auf eine Zeit, verlor, wenn er
Reisen in seinem Berufe oder zur Erholung
unternahm. In einer solchen freien Stimmung
entstanden auch seine „Erinnerungen an den
Schnceberg". unstreitig das Beste, das H.
geschaffen, und das jedem für Poesie empfäng-
lichen Besucher des Schneeberges nüt seinem
dichterischen Inhalte wohlthuend ' anmuthen
wird. Bemerkcnswerth erscheint noch, daß H.,
wie in einem trüben Vorgefühle seines nahen
Endes, welches jedoch durch keine Krankheit
veranlaßt war, am lö. März 1832, also drei
Tage vor seinem plötzlich eingetretenen Ende,
das Gedicht „Abschied" schrieb, welches die
letzte Nummer der in seinem Nachlasse abge-
druckten „Erinnerungen an Venedig" bildet.
Nach Ruhe suchte der Dichter auf seiner Wan-
derung und:
So eilt der Wandrer fort und fort,
Von Land zu Land, von Ort zu Ort,
I n ew'ger Flucht auf Erden;
Er eilt thalein, er eilt thalaus,
Ist nie daheim, ist nie zu Haus,
Wann wird ihm Ruhe werden?
So sang er und erhielt schon wmige Tage nach«
her vom Schicksale die Antwort auf seine Frage.
Hall, Placidus (Benediktiner und
Schulmann, geb. zu Kaplitz in Böh^
men 13. Jänner 1774. gest. zu Pfarr-
kirchen in Oberösterreich 2. Mai 1833).
In der Taufe erhielt er den Namen
Anton; er war der Sohn eines Schul-
lehrers in Böhmen, der unter Kaiser
Joseph wegen seiner Geschicklichkeit und
fruchtbringendmWirksamkeitimLehramte
zum Musterlehrer ernannt worden war.
Die Schulen besuchte er anfänglich in
Prag, wo er bei seinem Onkel, der im
Hause des Grafen Lazansky Erzieher
war, lebte. Da trat mit einer schweren
Krankheit ein Wendepunct in H.'s Leben
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Habsburg-Hartlieb, Volume 7
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Habsburg-Hartlieb
- Volume
- 7
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1861
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 472
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon