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Karrach 383
den Nachmittag mit einem Musikmeister,
den Abend mit Professoren des classischen
Studiums, die Nacht meistens bis an
den Morgen in seinem Lehnstuhle, daher
er nie in's Bett kam, was auch seine
ohnehin nicht starke Gesundheit zusehends
schwächte; merkwürdig war seine Abnei«
gung gegen das Landleben; obgleich ihn
sein ärztlicher Beruf täglich in die arm»
lichstm Hütten der entferntesten Vorstädte
Wiens führte, zu einem ärztlichen Besuche
außerhalb der Linien Wiens war er nie
zu bewegen. Eine hohe Dame, die in
Hietzing lebte, und der es nicht gelingen
konnte, H. zu einem Besuche in ihrem
Landhause zu überreden, ließ ihm sagen,
sie sei gestorben, er möge zur Section
kommen, denn nur in seinem wissenschaft-
lichen Eifer konnte er Herr seiner Abnei-
gung werden. Vom Jahre 1314 bis an
seinen Tod widmete er sich
als Primararzt
dem Institute der Elisabethinerinen mit
immer gleicher Liebe und Sorgfalt;
besuchte nicht nur täglich, sondern bei
bedenklichen Fällen drei« bis viermal des
Tages und auch bei Nacht die Kranken,
ihnen durch seine Kunst, seinen Geist und
seinGemüth Heilung und Trost gewährend.
Als ihm nach Verlauf des ersten Jahres
die Elisabethinerinen das gewöhnliche
Honorar von 400 fl. übergaben, nahm
es der Graf an, sandte eS aber den
folgenden Tag verdoppelt zurück und
that dieß jährlich. I n seinem letzten Willen,
wozu ihn wenige Wochen vor seinem Tode
der Hoch« und Deutschmeister Erzherzog
Anton durch ein besonderes Schreiben
befugt hatte, vermachte er sein ganzes
Vermögen den Armenanstalten Wiens.
Bei dieser allgemeinen Schilderung des
Grafen ist es nöthig, einzelne Momente
seines Wirkens wenigstens zu erwähnen.
Mit goldener Schrift verdiente in der
Geschichte des österreichischen Adels auf- gezeichnet zu werden, was Graf Kar l
in den Unglücksjahren 1803 und 1809
geleistet, als Wien und seine Umgebungen
mit einem Heere von nothleidenden Gefan-
genen, Kranken, Verwundeten und Ster-
benden überschwemmt war. Selbst Napo«
leon wurde auf diesen Edelmann — in
des Wortes echtesten und herrlichsten Ve»
deutung — aufmerksam; übrigens gehören
die in den Zeitblättern jener Tage rnitge-
theilten Unterredungen zwischen Harrach
und Napoleon zu der Classe biogra»
phischer Legenden, mit denen man das
Leben großer Menschen gern aufzuputzen
pflegt. Die unerschütterliche Hingabe an
seinen praktischen Beruf ist zumeist Ursache,
daß Graf Kar l als Fachschriftsteller nur
Weniges leistete, da eben er als leben»
diges Repertorium aller seit 40 Jahren
in der Medicin und in den mit ihr ver»
wandten Naturwissenschaften gemachten
Entdeckungen, Vor« und Rückschritte, aller
Ansichten und Versuche, die in diesem
wichtigen Wissenschaftsgebiete gemacht
wurden und immer noch werden, zunächst
berufen gewesen wäre, auch als Schrift«
steller zu wirken. Er veröffentlichte durch
den Druck nur eine Uebersetzung, die Schrift
von John Mason Good: „Neber die
Krankheiten der GetiingniZLe und Innen Hiin5 er"
(Wien 1798), und als Frucht seiner
persischen Studien, welche er 1797—1799
mit seinem Freunde Hammer ^s. d.
S. 267 dieses Bandes^ betrieb, einige Aus'
züge und Uebersetzungen etlicher Oden
aus dem Divan Hafis. Wenn er aber
auch selbst nichts weiter producirte, so
blieb ihm doch keine auch nur etwas
bedeutende Erscheinung der Literatur und
Kunstwelt fremd. Alle berühmten Reisen«
den und Gelehrten suchten ihn auf, und
sein staunenswerthes Gedächtniß, seine
unerschrockene freisinnige Denkungsart
und sein kaustischer Witz machten ihn zur
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Habsburg-Hartlieb, Volume 7
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Habsburg-Hartlieb
- Volume
- 7
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1861
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 472
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon