Page - 171 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Hartmann-Heyser, Volume 8
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Zeböel
dem Papiere befinden sich ein von einem
Nagel durchbohrtes Herz, ein Tintenglas mit
der Aufschrift: Blut, ein Todtenschädel mit der
Aufschrift: Streusand. Unter dem Bilde liest
man:
Auf Menschenknochen bau ich meine Dramen,
Und sollte dies Geschlecht auch dr'an
erlahmen'
Zum Weltgerichte kam ich freilich noch zu frĂĽh;
Das ist im Ernst die bitt're Ironie!" —
Sandschrift. Hentze (Adolph), Die Hand«
schriften der deutschen Dichter und Dichterinen
(Leipzig 1833. Bernh. Schlicke, kl. 8°.) S. 62
^charakterisirtdie facsimilirte Handschrift folgen-
dermaßen: „Düsterblickende, tief einschneidende
Buchstaben, unbekĂĽmmert, ob die Wunde
blutet"). — Aeußere Erscheinung. Cajetan
Cerri, der die meisten Dichter Oesterreichs
mit Worten silhouettirt hat, entwirft folgendes
Bild von Hebbel: „Gemal der berühmten
Hoffchauspielerin Enghaus; hohe, schlanke,
etwas gebrochene Gestalt; schöner Christus«
köpf, und im Ganzen echt norddeutsches Aus»
sehen; nachlässiger, schleppender Gang; nicht
gesuchte Kleidung; wenig Haar, fein und
blond; Schnur» und Backenbart ebenfalls
blond; große, hellblaue, fast schwärmerische
Augen, forschender Blick und zarte, bleiche,
höchst bewegliche Züge; Ausdruck der Miene
in ruhigen Augenblicken sinnig, naiv und fast
kindlich sanft; wenn man ihn flĂĽchtig sieht,
ahnt man kaum, von welchen Däinonen dieser
riesige, unruhige, stets schaffende Geist getragen
wird; ungeinein leidenschaftlich, jähzornig und
reizbar, aber, wie alle ähnliche Charaktere,
bald wieder beschwichtigt; im hohen Grade
selbstbewuĂźt, wie jedes groĂźe Talent; lebhafte
Mimik, volltönende, steigernde Stimme;
grollend, grandios, verneinend; spricht viel,
rasch, feurig, höchst geistreich, und verschleudert
im Umgang massenhaft die herrlichsten Perlen
von Geistesfunken und fantastischen Bildern;
der Eindruck seiner Nede ist aber im Ganzen
vernichtend, und namentlich für Laien ent»
muthigend und niederschlagend; zärtlicher
Gemal und Vater; als Dichter ein Himmel«
stürmender, urkräftiger Titan, der mit gewab
tigem Schritte seine eigene Bahn wandelt und
in der deutschen Literatur unverlöschliche
Spuren hinterlassen wird."
IV. Hebbel, in der Literatur, a.) Nachweig der
wichtigeren kritischen Stimmen ĂĽber Hebbel
als Dichter im Allgemeinen. Die Kritiken
über seine einzelnen Werke sind bereits bei jedem derselben angeführt worden. Blätter
fĂĽr literarische Unterhaltung (Leipzig, Brock-
haus, 40.) t85l), S. 73l: „Ein Urtheil Fried'
rich Hebbel's ĂĽber Shakespeare" ^welches hier
einer berichtigenden Kritik unterzogen wird^;
— Dieselben 1831, S. 7: „Hebbel und die
Tragikomödie", von I . H ettner ^ein ernstes
Wort an Hebbel's Genius, ihn rechtzeitig
noch zur Umkehr ermahnend); — Dieselben
1838, S. 903: „Hebbel und Jean Paul" swird
der von Hebbel angenommenen Katastrophe
im „Diamant" eine Scene in Jean Paul's
„Leben Fibel's" entgegengestellt, um darzuthun,
wie gewagt es sei, derlei Ercentricitäten tiefsin-
nig zu behandeln, und wie richtig Jean Paul
iu dergleichen den harmlos realistischen Charakter
beibehält. — Bruyck (C. von), Dramatische
Studien ĂĽber Friedrich Hebbel's Julia (Wien
1832, R. Lechner, 8«.). Mne apologetische
Schrift, die ĂĽber jede Stelle derHebbel'schen
Dichtung in Verzückung geräth. Ein Kritiker
in Zarncke's „Centralorgan" sagt gelegentlich
einer Anzeige der Schrift C. van Bruyck's
über Hebbel's „Julia": „Was an H.'s
dramatischen Werken wirklich Bedeutendes ist,
davon hat van Bruyck keine Ahnung; ĂĽbrigens
wird es keiner Vertheidigung je gelingen, das
Factum umzustoĂźen, daĂź Hebbel, den sein
Talent befähigte, unter den ersten dichterischen
Größen seiner Nation einen Ehrenplatz einzw
nehmen, diesen verschmäht hat, sei es aus ver»
dissenem Eigensinn, wie uns scheinen will,
oder aus Mangel an Bildung, und seine
Werke, die ein Lieblingsbuch seines Volkes
werden konnten, dazu verdammt hat, nur fĂĽr
die Raritätenkammer eines Curiositätensamm»
lers einst ein gesuchter Gegenstand zu sein.") —
I.a ^arna. 6ol 1853, ^uuo XIV, Nr. 101,
102, l03 s 104; — La I^nia. äsi 1836, ^nno
XV, Nr. 6, 16, 17, 18, 19,,42—46, 48 o 49:
„I'säsrieo Ilsbel" (31c). ^Beginnend mit der
Frage: „(,'lii Lia I^äorico Hsdsi", übergehend
auf die Darstellung des Verfalls des deutschen
Drama's und die Versuche seiner Wiederher»
stellung in den Capiteln: „veoHäsnsa äsi
tsatro in (36i'iQ2.nia" und ^entativi äi
risorFimemto. Oarattsrs Isttsrario äi 2sb6i",
gebt der Verfasser der Reihe nach Hebbel's
Werke: „Qiuäittg.", „II vikinants", „klaria.
Ukädkieng.", „6eQov63a", „Lo I^riako",
„Nroäs s Ua.i-1g.nn6« (510), „^"Ua.", ^ u a
I'rassäia. w 8ieilia", „II Kudiuo«, „Mons!
^,n36lo", „H.FQ63S Nsrnkusr", durch und
schließt wieder mit der Frage: „Oiö obs la 0
oio oko xna sssers k'eäslioo Hebel". Der
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Hartmann-Heyser, Volume 8
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Hartmann-Heyser
- Volume
- 8
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1862
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 514
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon