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Jordan 260 Jordan
IordllN. Sylvester (RechtSgelehr-
ter, geb. zu Omes, einem unweit Inns«
brück gelegenen Weiler, 30. December
1792, gest. zu Cassel 15. April 1861).
Der Sohn armer Eltern, die den krän«
kelnden Knaben für das Schuhmacher-
handwerk bestimmten. Vom 9. bis zum
i3. Jahre brachte I . bei dieser Beschafti-
gung zu, alle Entbehrungen und Drang«
sale der Armuth erduldend. Mit dem
Unterrichte war es unter solchen Umftan»
den schlecht bestellt; der eigene Wissens-
drang half da am meisten nach; die
Sonn« und Feiertage waren dem Lesen
und Schreibenlernen gewidmet, und vor»
nehmlich war es ein Onkel väterlicher'
seitS, Franz Jordan aus AramS,
der sich des wißbegierigen Knaben mit
Eifer annahm. Dieser Franz — über
den nähere Nachrichten mir zu verschaf»
fen leider nicht gelungen ist — war in
ganz Tirol und in den benachbarten
deutschen Kronländern der Monarchie
als Volksdichter bekannt und beliebt.
Auch die anderen häuslichen Verhält»
nifse waren nicht darnach angethan, auf
den Knaben erhebend zu wirken; der
Vater war ein Trunkenbold, der Weib
und Kinder mißhandelte. Einer jener
eigenthümlichen Vorfälle, die oft einem
ganzen Menschenleben die Wendung
geben, wurde auch für Jordan's Zu«
kunft maßgebend. Der kleine Sylvester
spielte mit Geschick die Querpfeife und
alles Zureden des VaterS half nichts, ihn
dem Instrumente abwendig zu machen.
Die Drohung eineS Geistlichen — des
jüngst verstorbenen Franz Hi rn , hinter
den sich der Vater gesteckt, und der dem
kleinen Sylvester eines TageS zuge»
rufen: er werde sich
die Hölle erpfeifen —
siel wie ein Blitz in des Knaben Seele.
Der Gedanke an die Hölle verließ ihn
nun und nimmer. Die Pfeife blieb unange» rührt, und um der Hölle zu entgehen,
wurde von ihm nichts unterlassen.
Kasteiungen, ja die Geißel selbst kamen
an die Reihe. So erwachte auch der Ge«
danke in ihm, Geistlicher zu werden. Der«
selbe Franz Hirn, der diese Wandlung
in ihm damals wohl unabsichtlich hervor»
gebracht, nahm sich deS geistbegabten
wißbegierigen Knaben an, ertheilte ihm
Unterricht, versah ihn mit Büchern und
ging ihm auch sonst rathend an die
Hand, was um so nöthiger war, als die
Verhältnisse des Vaters diese Auslagen
nicht gestatteten und dieser überhaupt
gegen das Studiren seines Sohnes sich
aussprach. Aber die Beharrlichkeit des
letzteren trug den Sieg davon. Eine
Stunde weit mußte der Knabe oft barfuß
laufen, um eine Stunde Unterricht zu
erhalten, der Eifer überwog alle Be»
schwerden. Im Herbste 1806 bezog Ior -
dan daS Gymnasium in Innsbruck.
Gute Menschen halfen dem armen Kna»
ben, der, um einen Gulden zu verdienen,
niedere Dienste verrichtete. Endlich 1809
gelang es ihm, selbst einen Zögling zu
bekommen und nun ging es rüstig vor»
wärts. Die Lücken seines WissenS füllte
er durch Selbststudium aus, Mathematik
und Sprachen trieb er mit besonderem
Eifer. Noch war öisher der religiöse
Feuereifer in Jordan'S Seele nicht ab«
gekühlt. Das verhängnißvolle Jahr 1809
kam heran. Das fromme Tirol wurde
ein Soldatenlager. Die siegende Partei,
in welcher Mönche eine Hauptrolle
spielten, begann zu restauriren und alles
bayerische, waS damals dem Ketzerischen
gleich gehalten wurde, auszumerzen.
Diese Vorgänge riefen deS frommen
Jünglings Nachdenken hervor, der Ge-
gcnsatz von Glauben und Denken gestal«
tete sich immer entschiedener, und bald
kam er zur Ueberzeugung, daß sein
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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Jablonowski-Karolina, Volume 10
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Jablonowski-Karolina
- Volume
- 10
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1863
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 524
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon