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Berichterstatter über slavische Zustände in
Oesterreich , welcher im Jahre l540 in der
Beilage der allgemeinen Zeitung (S. 963) die
österreichischen czccho.slavischen Dichter charak-
terisirt. schreibt über Kol lär : „Wie Kollllr
für den größten Dichter der neueren öechischen
Literatur gilt, so ist er auch unstreitig der
einflußreichste Slave Oesterreichs. Seine Ideen
haben am tiefsten Wurzel gefaßt; ste Vorzugs»
weise haben das slavische Bewußtsein geweckt.
Keiner hat männlicher. ausdauernder die
Uebergriffe des-Patriotismus der Race be-
kämpft, keiner härter die Schmach der Indo»
lenz und den Abfall vom eigenen Blute ge«
straft. Kol lär ist ein Gelehrter und hat dieß
durch mehrere Werke dargethan; aber so ge«
diegen diese und überhaupt so ausgebreitet
seine historischen, und philologischen Kennt«
nisse sind. seinen Nuhm gründete sein lyrisch»
episches Gedicht „die Tochter des Ruhmes".
I n Sonetten, die ein schöner, tief poetischer
Gedanke, jener der Liebe, zu einem Ganzen
verbindet, besingt er den Ruhm der Slaven
und ihre tausendjährigen Leiden; sein Geist
überblickt von hoher Karpathenkoppe die wei-
ten Slavenländer der Wolga, Weichsel, Donau
und Moldau, wo die Brüder wohnen; ihrem
Leben, jeder ihrer Thaten weiht er sein Lied;
aber sein Geist schaudert zurück vor den Fre«
velthaten des Feindes; er ficht die mißHandel'
ten, die gemordeten Geschlechter der Wenden
und kann ste nicht zählen; er sieht die Frem<
den auf den Trümmern von Arkona, auf den
Gräbein der Brüder, die sie geknechtet. Kol»
lä.r'5 Ver5 ist harmoniereich, seine Sprache
wohlklingend; aber der Klang seines Reims
oft so weich und mild. daß er fast im Gegen«
satze steht zu seinem Stoffe." — Jordan's
„Jahrbücher für slavische Literatur" charakte»
risiren K., wie folgt: „Die erste Ausgabe von
K.'s släv? äesra enthielt Liebesgedichte,
denen man leinen tieferen Sinn unterlegte, weil
damals im öechischen Slaventhum eine tiefere
Auffassung der Literatur und des National-
lebens nicht vorhanden war; die zweite Aufl
(1824) erhielt bereits einzelne nationale Ideen,
allein ihr Umfang war noch zu klein (l5t) So<
nette) und der Kreis, den sie besprach, zu eng.
Damals schon machten diese Dinge Aufsehen
in der böhmischen Literatur. Allein ganz an>
ders, mit klaren und festen Worten, mit stür-
mischer Begeisterung, mit allumfassender, echt
slavischer Liebe trat die dritte, die vollstän-
dige Ausgabe auf; mit einem Freundesopfer
ward die'Möglichkcit d?s Erscheinens erkauft. mit unendlicher Begeisterung ward sie von
allen Slowaken empfangen. Allein die Man«
ner, die damals'in Böhmen an der Spitze
der sogenannten öffentlichen Stimme derIour«
nalistik standen, faßten die großen Ideen des
Dichters nur unvollkommen auf, oder mußten
wenigstens eine solche Auffassung der Oeffent«
lichkeit übergeben. vielleicht durch äußere
Hindernisse gelähmt. Nicht wenig trug dazu
auch der Umstand bei, daß der Dichter, um
auch seinen Landsleuten, den Slowaken, auf
welche seine Dichtung zu allernächst berechnet
war, verständlich zu sein, seiner Sprache, der
böhmischen Schriftsprache, einzelne Eigenthum,
lichkeiten der slowakischen Mundart beimischte.
Demzufolge ward die große Dichtung weniger
besprochen, als sie es verdiente; und die Idee
von der Zukunft der Slaven, welche in ihr
freilich noch wie in dichten Nebel gehüllt er«
scheint, ward kaum erkannt, viel weniger an»
erkannt, noch so verbreitet, wie man erwarten
durfte. Auf der anderen Seite trafen die er<
habenen Bilder mit solcher Heftigkeit auf oaS
Herz der Feinde der Slaven, daß der. Dichter
von da an als Vorkämpfer ultraslavischer Ten«
denzen verschrieen wurde. Daherkam es, daß
die magyarisirten Slowaken aus der Dichtung
nichts als Gift und Galle sogen, die ste dann
auch redlich ihren Landsleuten in Ungarn
durch die Vierteljahrsschrift mittheilten. K o l.
lär ist Dichter von ganzer Seele; allein seine
Dichtung schweift nicht in den romantischen
Gefilden einer zügellosen Phantasie umher;
sie hat einen festen Ankergmnd in der slavi<
schen Nat ional i tä t ; darum ist der begei»
sterte Sänger der Vergangenheit und der tief,
schauende Seher der Zukunft seineS VolkeS
auch ein durchdringender Forscher des slaoi«
schen Alterthums, darum der fleißige Sammler
der Volkslieder seines Stammes zugleich der
lebensvolle Reisebeschreiber, der auf seinen
Wanderungen durch die Nachbarländer Spu»
ren der längst vernichteten Anwesenheit seiner
Nation aufsucht: Ko l lä r ist Nat ional-
dichter. Allein wie in den sonnenhellen Ta-
gen Homer's und Pindar',ö umgibt den,
mit dem Dichterkranze Geschmückten, der ehr»
würdige Mantel des Priesters; gleich B o»
j a n und 3 uini r steht er, beide Würden verei«
nend, da, als Seher aus alter Zeit für tünf-
tige Tage „groß, wie das Geschlecht der Sla«
ven aufgewachsen, wie die Abendschatten, so
daß er Raum nicht hat im Grabe". — Kurz
und treffend charakterisirt den Dichter sein
Nekrologist in der Leipziger „Illustrieren Zei«
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Klácel-Korzistka, Volume 12
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Klácel-Korzistka
- Volume
- 12
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1864
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 528
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon