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Freyer 482 Freyer
Broschüre: „Drei Jahre Verfassungsstreit".
welche die Periode des Hofkanzlerthums des
Grafen Fora ach behandeln).
* Freyer, Abraham (israelitischer P ä»
dagog, geb. zu Frauenkirchen in
der Wieselburger Gespanschaft im Herbste
1789). Der Vater, ein orthodoxer Israe-
lit. früher selbst Rabbi, leitete des Kna-
ben erste Erziehung. Um zu einem tüch-
tigen Talmudisten gebildet zu werden,
genoß er zu Hause, dann in Deutschkreuz
(4803) und in Nikolsburg (1809) den
Unterricht berühmter jüdischer Gelehrten.
Im Jahre 1812 begab er sich aber nach
Prag, wo, er, um außer der einseitigen
jüdischen auch noch eine andere mehr
praktische Bildung zu erlangen, Zögling
des ständischen Polytechnicums wurde,
und während er in reichen Iudenfamilien
als Erzieher thätig war, sich steißig in
den technischen Fächern bildete. Der Ver-
kehr mit Personen und Familien seines
Glaubens, wie Simon Gunz sBd. VI,
S. 36^, Ieit teles ^Bd. X, S. 119
u. f.^ , Kuh M . XIII, S. 340^, Jan
dau sS. 68 u. 69 d. Bds.^. blieb auch
nicht ohne Einfluß auf seine geistige Ent<
Wickelung. Im Jahre 1813 übernahm er
eine Erzieherstelle in Ofen, 1813 eine
andere in Miskolcz und 1819 in Sze-
cheny bei einer israelitischen Familie, in
der schon moderne Bildung heimisch war.
I n Szecheny verheirathete er sich mit
einer Preßburgerin, übersiedelte sofort
nach dem Geburtsorte seiner Frau, trat
bei seinem Schwiegervater, einem Kauf-
manne, als Compagnon in's Geschäft
und begann einen recht einträglichen
Wollhandel. Aber ein so guter Mathe»
matiker F. war — er liebte diese Wissen
schaft als die einzig auf der Wahrheil
beruhende über Alles — so erlitt er doch
durch sein zu großes Vertrauen auf
Ehrlichkeit der Menschen bald solche Ver< 'uste, daß er die kaufmännische Laufbahn
aufgab. Mit den kleinen Trümmern
seines Vermögens zog er sich zurück und
nun war es nur Eines, was seine Seele
rfüllte: die Reform des jüdischen Unter«
richts. Die Unzulänglichkeit der bisherigen
jüdischen Schulen erkennend und wohl
wissend, daß bei dem Fanatismus der jü»
bischen Orthodoxie an eine völlige Umge«
ftaltung noch nicht zu denken sei, beschloß
er denn doch nichts unversucht zu laffen,
um eine geregelte, den Bedürfnissen der
Zeit entsprechende Lehranstalt für die
israelitische Jugend in's Leben zu rufen.
Indem er sich selbst mit der Pädagogik
ganz vertraut machte und im Jahre
1818 den Lehrerprüfungen bei St. Anna
in Wien unterzog, ging er daran, die
erste jüdisch-ungarische geregelte Lehr-
anstatt, die sogenanntePrimarhauptschule
w Preßburg zu errichten. Im ersten
Semester (1820) zählte sie zehn Zog-
linge, darunter zwei Freischüler, deren
Einer der berühmteAlbert Co h n j^Bd. II)
S.403^ war; im zweiten Semester zahlte
die Schule schon vierzig Zöglinge. Die
Hindernisse, welche zu besiegen waren,
können hier nicht dargestellt werden.
Freyer selbst erzählt: „Ging ich durch
die Iudengaffe, hieß ich „Goj", und so
ich durch die Stadt wandelte, ward ich
„Jude" geschimpft." Wen aber die Ge»
schichte dieser Schule interessirt, der lese
sie im „Oesterreichischen Pädagogischen
Wochenblatt" (Wien, 8".) Jahrg. 1860.
Nr. 48. Jedoch alle Hindernisse wurden
durch Energie und Beharrlichkeit über«
wunden und die Schule im Jahre 1830
zur öffentlichen Primarhauptschule er»
hoben. Die Anstalt hatte sich thatsächlich
so bewährt, daß bei Gründung fast jeg-
licher ungarisch «jüdischen Lehranstalt in
Oesterreich die Freyer'schen Statuten
als Norm angenommen wurden. So
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Laicharding-Lenzi, Volume 14
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Laicharding-Lenzi
- Volume
- 14
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1865
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 550
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon