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Gindely 489 Gindely
zu einer Forschungsreise nach Spanien,
Frankreich, Belgien und Schweden be«
nützte, wo er in den Archiven von Siman»
caS, Paris. Brüssel und Stockholm die
reichsten und wichtigsten Materialien zur
Geschichte Böhmens aufgefunden hat.
Sein Hauptaugenmerk bei diesen For»
schungen hat Gindely auf die Periode
des dreißigjährigen Krieges und
in dieser zunächst auf die kirchlich,
politische Bewegung in Böhmen
von ihrem Anbeginne bis zur Mitte des
17. Jahrhunderts gerichtet. Die Aus«
beute war — wie sich wohl erwarten ließ
— eine großartige, aber noch immer
keine vollständige. Ein Einzelner ist
nimmer im Stande, die Tausende von
Actenbanden, welche in diesen Archiven
die Geschichte des dreißigjährigen Krie-
ges umfassen, in ein paar Jahren zu
bewältigen. Was daher ein Forscher
mit raschem, wenn noch so glücklichem
Griffe herausnimmt, können nur Bruch«
stücke sein, die wohl über dieses und
jenes überraschende Aufschlüsse geben,
aber es noch immer nicht gestatten, ein
abschließendes Urtheil über das Ganze
zu> fällen. Von diesem Gesichtspuncte
müssen denn auch jene Arbeiten G.'s
betrachtet werden, welche das in diesen
Archiven aufgefundene Materiale wissen»
schaftlich verarbeiten, da sich G.'s auf
die Geschichte Böhmens gerichtete litera»
rische Thätigkeit nach zwei Richtungen hin
spaltet, nämlich nach einer Verarbeitung
dieser Forschungsergebnisse in mehreren
selbstständigen historischen Werken und
nach einer Herausgabe des in diesen Ar»
chiven aufgefundenen Materials, wie es
ist, nach Urkunden,Korrespondenzen, diplo»
malischen Actenstücken und wortgetreuen
Abdrücken der copirten Originale. Bald
nach seiner Rückkehr von der zweiten
größeren Forschungsreise wurde G. mit Allerh. Entschließung vom 19. October
1862 zum außerordentlichen Professor
der österreichischen Geschichte an der
Prager Hochschule ernannt. Dieser Er-
nennung folgte im Jahre 1863 von
Seite der böhmischen Stände jene zum
Landesarchivar des Königreiches Böh»
mm. Als solcher beabsichtigte er, die Ge«
schichtsquellen Böhmens in einem ein«
zigen großen Corpus zu sammeln und
unter dem Titel: »Noraumonta kisto-
rias Voksinioas" zu ediren, zu welchem
Zwecke sich eine ansehnliche Anzahl böh«
mischer Cavaliere bereit erklärte, die
Kosten zu tragen. I n sechs Abtheilungen
gesondert, würde die erste die Historiker
und Chronisten, die zweite die böh«
mische Landtafel bis 1341, die dri t te
die böhmischen Landtagsverhandlungen
und Landtagsbeschlüfse, die vierte.ein
böhmisches Diplomatar, d.ie fünfte die
Korrespondenz des alten katholischen und
ütraquistischen Konsistoriums, die Annalen
einiger geistlichen Orden (darunter vor
allen jene der Jesuiten und Kapuziner)
und die sechste die historischen Schriften
der böhmischen Brüder umfassen. Noch
eines besonderen, nicht unwichtigen Actes
der gelehrten Forschungen Gindely's
muß hier ausdrücklich gedacht werden.
Es ist bekannt, daß sich in Böhmen im
Jahre 1863 unter den politischen Par-
teien die später unter dem Namen der
AorungFi, d. i. Anhänger der h. Wen«
zelskrone, vielbesprochene Partei gebil»
det habe. Diese Partei behauptete nichts
Geringeres als die staatsrechtliche
Einheit der Länder Böhmen,
Mahren und Schlesien. Indem sie
nun die Zurückgabe der alten böhmischen
Königskrone anBöhmen von der Staats»
regierung erbitten sollte, beauftragte der
Landesausschuß nunmehr den Professor
Gindely mit der Beantwortung der
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Laicharding-Lenzi, Volume 14
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Laicharding-Lenzi
- Volume
- 14
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1865
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 550
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon