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Liechtenstein Liechtenstein
dreißig Jahren dem Großvater des Erb»
laffers, dem Fürsten Anton F lor ian ,
hatte überlassen müssen. So war Fürst
Joseph Wenzel deutscher Reichsfürst
geworden und behauptete auch das ihm
anfanglich bestrittene Recht von Sitz und
Stimme auf den Reichstagen. WaS seine
eigene Person betrifft, so erhielt der Fürst
von seinem Herrn und Kaiser und auch
von fremden Fürsten noch manche Ehren
und sonstige Zeichen der Huld. So ver»
lieh ihm Kaiser Joseph im November
1763 den eben gestifteten ungarischen
St. StephaN'Orden; die Kaiserin früher
schon den Titel Hoheit (colsiLöilunä)
und ließ im kaiserlichen Zeughause seine
Büste aufstellen ssiehe Näheres S.463, in
den Quellens Die Kaiserin von Rußland
schenkte ihm im Jahre 1766 einen Pracht«
vollen Staatswagen mit acht sinnländi»
schen Schimmeln und zwei Reitpferden,
welches Geschenk der Fürst mit vier Herr«
lichen Standbildern aus feinstem Ala«
baster, die vier Jahreszeiten vorstellend,
und einer Statuette der Göttin Cybele
erwiederte. Als der Fürst im hohen Alter
von 76 Jahren starb, schrieb Kaiser Io-
seph an seinen zum Erben der Fürsten«
thümer und des Majorates ausersehenen
Prinzen Franz Joseph ^f. d. S. 123.
Nr. 47^, den Neffen des Verstorbenen,
da dieser keine Kinder hinterlassen hatte,
folgende Worte: „Sie, mein Prinz, haben
in Ihrem Oheim einen Vater, Wir aber
den ergebensten und würdigsten Diener
und der Staat einen verdienstvollen Bür-
ger verloren. Lassen Sie mich mein Be-
dauern zu dem Ihrigen füges, und da
Sie seine Wohlthaten nimmermehr vei>
geffen werden, so lassen Sie mich seine
Verdienste verewigen und unserer Erkennt,
lichkeit Gerechtigkeit widerfahren, indem
ich vor den Augen der ganzen Welt be-
zeuge, wie hoch man ihn geschätzt und
v. Würzbach, biogr. Lexikon. XV. ^Ged was man von seinem Neffen erwartet,
dessen Verwandte sich an Redlichkeit,
Eifer und Muth unveränderlich hervor-
gethan haben". Die Kaiserin aber ließ
nach seinem Tode, 1773, zu seinem
Andenken eine Medaille prägen. Aus
Pezzl's Charakteristik des Fürsten ent-
nehmen wir folgende Stellen: „Jeder
Künstler hatte freien Zutritt zu ihm. Er
belohnte den Erfinder und vollendeten
Künstler und ermunterte durch Geschenke
das angehende Genie. Viele zogen einen
lebenslänglichen Gnadengehalt von ihm.
Er wollte aber, daß sich der Künstler
beschäftige und bestellte daher oft Arbei«
ten. die er nicht brauchte. Er ließ Ringe,
Dosen und anderes Geschmeide oft um»
fassen, um nur der Kunst Brot zu geben.
Nichts aber übertraf sein Mitleiden gegen
Arme. Die Summe, die er jährlich für
die leidende Menschheit hingab, ging in
die Tausende. Eine Menge arrner Witwen
wurden von ihm unterhalten und viele
verlassene Waisen auf seine Kosten er»
zogen. Er ließ auch in Feldsberg ein
besonderes Waisenhaus für 20 arme
Knaben herstellen, die er im Lesen und
Schreiben unterrichten, verkosten, kleiden
und dann nach ihrem Genie ein Hand«
werk lernen ließ. Es gab täglich gewisse
Stunden, wo die Armen sich vor den
Fenstern seines Palastes versammelten,
die dann auch nie ohne reichliches Almo-
sen wegkamen. Er hatte den Satz ange»
nommen, daß Leute, die ihn um Hilfe
ansprechen, wenigstens dürftigsein müssen,
und daß ein guteS Herz nicht untersuchen
soll, ob sie es durch oder ohne ihre
Schuld sind. Er sah es auch — so sehr
er selbst die Gesetze des Landes verehrte
— gar nicht gerne, wenn die damalige
Sicherheitswache ihm die Armen ver-
scheuchte, ja er gab wohl auch, sobald er
die Annäherung dieser Aufseher merkte,
:. I.Februar 1866.) 11
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Leon-Lomeni, Volume 15
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Leon-Lomeni
- Volume
- 15
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1866
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 499
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon