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Meißner 300 Meißner
wird man zu deutlich auf das körperlich Pa<
thologische der Heldin hingewiesen. um nicht
auch hierin Consequenz zu verlangen. Die
Schwangerschaft ist ein weiblicher Ausnahme,
zustand, der stets besondere psychologische
Symptome mit sich führt. Die Heldin ist
daher nicht vollkommen zurechnungsfähig;
man kann wenigstens ihrer Eraltation eine
rein körperliche Grundlage unterschieben. Dieß
ist in der Tragödie immer störend. Auch erin«
nert die Art und Weise, wie sich der Posthu«
muS zur rechten Zeit empfiehlt, zu sehr an
einen Vortrag in einer geburtshilflichen Klinik;
und wenn auch nichts Menschliches der Na«
tur widerstrebt, so widerstrebt doch Manches
der Kunst. — Meißner's „Reginald Ami»
strong" erinnert nicht nur vielfach an Clavigo,
in dem besonders der Carlos nicht zu verken-
nen ist, sondern ist auch zu sehr dramatisch
skizzirt. nur mit Naturlautrn der Empfindung
und der Leidenschaft ausgestattet. Das Skiz«
zenhaste bleibt aber ein für alle Mal im
Drama ein Fehler. Es ist die Klippe von
Meißner's Talent, die er auch in seinem
Trauerspiele „Der Prätendent von Jork" nicht
umschifft hat. Der Stoss der Tragödie ist
von dem altbriiischen Dramatiker John Ford
bearbeitet und von Schil lerin seinem War«
beck«Fragment benützt worden, Meißner
hat diesen Warbeck eher nach dem Plane des
„Demetrius" ausgeführt, indem er seinen Hel<
den nicht gleich von Anfang an zu einem
absichtlichen Betrüger macht, sondern in der
Enthüllung des unfreiwilligen Betruges auch
für ihn selbst die Peripetie herbeifühtt. Gegen
den Gang der Handlung und die Compo»
sition des Stückes läßt fich wenig einwenden,
dock ist die Ausführung bei aller Glatte und
Geschmeidigkeit matt und ohne Tiefe. Nicht
als ob es diesem Talente an Pracht der Far<
ben und lyrischem Zauber fehlte — das hat
er im „Äöka" und den „Gedichten" zur Ge<
nüge bewiesen — aber die Einsicht in die
Unzulänglichkeit des Lyrischen im Drama
treibt ihn an, den hierin glänzenden Reich«
thum seiner Begabung gleichsam zu ignoriren;
er will nur durch dramatische Mittel und
Hebel wirken; aber er kann jenen Ausfall
noch nicht ersetzen; uno so kommt eine gewisse
Nüchternheit und FarblosigtVit in seine Dra<
men. die störender wirkt, als ein Uebermaß
der lyrischen Fülle, das ja bei Shakespeare
und Schil ler so glänzende Antecendentien
findet " — Endlich über Meißner als Ro<
mandichter faßt Gott schall folgendes Ur< theil, indem er dessen Hauptwerk, „Die San<
sara", in welchem M. noch künstlerisch zu ge<
stalten versuchte, wahrend er in den folgenden
Werken nur geistreiche Nahrung dem lesenden
Publicum bietet, mit folgenden Worten be»
leuchtet: „Ein Emancipationsroman im gro-
ßen Styl ist die „Sansara", eine Umarbei-
tung und Fortführung des „Freiherrn von
Hostiwin". Der Held in seiner ursprünglichen
Gestalt das Ideal eineS modernen „Don
Juan", der von einer Liebe zur andern fliegt,
wird durch eine tiefe reine Liebe bekehrt. Der
deutsche „Don Juan" unterscheidet sich über-
haupt dadurch vom spanischen, daß ihn nicht
der Teufel holt, sondern daß er vorher durch
irgend einen Engel gebessert wird, freilich
nicht, ohne dabei aus der Rolle zu fallen.
So ist auch der „Freiherr von Hostiwin" in
den beiden letzten Bänden des Romans nur
ein sentimentaler Liebhaber, den der Autor
glücklich zu inachen kein Bedenken trägt. . ..
Es wäre gegen den Entwickelungsgang und
die Schlußmoral dieses Romans gar Nichts
einzuwenden, wenn nicht die erste Hälfte des.
selben als eine Verherrlichung zügelloser Le«
benö' und Liebeslust auf die sentimental
bußfertige Wendung des Helden und seiner
Schicksale keineswegs gefaßt machte. Wir
wollen in Don Juan einen hartgesottenen
Sünder sehen, den der steinerne Gast am
Schlüsse pünctlich abholt und an die Hölle
abliefert. Doch diese träumerischen Hamlet»
Don Juan's sind Zwittergeschöpfe — und
am wenigsten Don Juan ein Stamm, auf
dem sich mit Erfolg ein Werther pfropfen
läßt. So flößt der Hauptheld in diesem
Romane des blinden Weltlebens kein warmes
Interesse ein. Mio auch die rinen geringen
Raum einnehmenden kölnischen Charaktere
erinnern meistens an die Figuren einer ovora
duä'a, oder an die Typen einer italienischen
Komödie, dagegen sind die Tiroler Land»
schaftsbilder mit köstlichein Colorit gemalt,
die Stimmungen der Helden oft mit dem
Schmelz echt lyrischer Empfindung ausge«
sprochen. und ein bedeutender Gedankenreich»
thum erhebt das Werk hoch über die Pro<
ductionen der Masse. Die letzte Hälfte des
Romans ist auch spannend durchgeführt und
wir vermissen keineswegs grelle Effecte recht
stossartiger Natur. Kampf um Leben und Tod
auf schwankem Kahne auf unergründlichen
Bergsee'n an hohen Felsenabhängen — das
erregt bei lebendiger Schilderung Schwindel
und regen Nervenreiz. Dagegen fehlt es gänz»
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Maroevic-Meszlenn, Volume 17
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Maroevic-Meszlenn
- Volume
- 17
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1867
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 506
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon