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Messerschmidt 44? llesserschmidt
viele Statuen und Basreliefs auf den
Schlöffern und Herrschaften des Fürsten
Wenzel Liechtenstein, der den Kunst»
ler mit besonderer Vorliebe beschäftigte.
Die Sonderlingsnatur M.'s hinderte
ihn, daß er sich nicht zu jener Größe und
Bedeutmheit erhob, für die er seinem
Talente nach angelegt war. Schon der
Umstand, daß er nur arbeitete, wenn er
gerade Geld brauchte, trug wenig dazu
bei, ihn für die Ausführung großer
Werke, wozu eben er, wie Wenige, geeig»
net war, zu gewinnen. Insbesondere seit
er sich in den Kopf gesetzt, die mehr-
erwähnte Folge von hundert Charakter»
köpfen zu vollenden, von dieser Zeit
an war er mit Ausnahme eben dieser
Köpfe im Ganzen fast unthätig geblieben.
Diese Köpfe freilich geben Zeugniß von
seiner Meisterschaft, und sind wahre
Musterstücke psychologischer und anato»
Mischer Studien, aber es war denn doch
eine verschrobene Einbildungskraft, die
ihn auf diesen Gedanken brachte und ihn
bei demselben durch eine ganze Reihe
von Jahren beharren ließ. Die Wahr«
heit, mit welcher er die Charaktere dar«
stellte, und die Kenntniß des Mechanis-
muS des Kopfes, entschädigt nicht für
den Mangel aller Schönheit. M.. dieser
Meister in der Aesthetik des Häßlichen,
kann mit gutem Fug und Recht als der
„Hogarth der Plastik" bezeichnet werden,
und er muß eben nur in Deutschland
gearbeitet haben, um — um nicht zu
sagen vergessen, so doch — so wenig
beachtet zu sein, wie eS der Fall ist. M.
arbeitete ungewöhnlich rasch und vollen-
dete oft in tadelloser Weise in Stunden,
wozu andere mindestens doppelt so viel
Tage, wenn nicht noch mehr Zeit brauch,
ten. Mit seiner Liebe zur Kunst ging
ihm die Zeit über AlleS, und diese ließ
er sich nicht nehmen. Jede Minute war ihm kostbar, jeder Besuch lästig, und
wenn er einen solchen erhielt und der«
selbe sich gegen alle Gebühr ausdehnte,
so frug er seinen Besucher nicht selten:
Haben Sie viel Zeit? und wenn die
Antwort lautete: Ja, erwiederte er: das
sehe ich, aber ich habe keine. In seiner
Häuslichkeit war er, um nicht zu sagen
cynisch, aber aszetisch, von einer kaum
glaublichen Einfachheit. Sein Hausge»
rath bestand auS einem Bette. Tische,
einigen schlechten Stühlen, einer Flöte,
einer Tabakspfeife, einem Wafserkruge
und einem alten italienischen Buche, von
den Verhältnissen des menschlichen Kör-
pers. Nebstdem besaß er noch drei
Zeichnungen, eine davon stellte eine
egyptische Statue ohne Arm vor. die er
nie ohne Bewunderung und Ehrfurcht
ansah, auch Niemanden die eigentliche
Bedeutung dieser hieroglyphischen Figur
entdeckte; vielleicht war es jene merk-
würdige Figur, welche das alte egyptische
Naturmaß darstellte, mit dessen Hilfe,
wie uns Pl iniuS erzahlt, Polyklet
seinen Canon der vollkommensten mensch»
lichen Figur aufgestellt hatte und nach
welchem die griechischen Meister, so z. B.
V i t ruv ius und dann später Leo«
nardo da Vinci gearbeitet haben.
Ebenso einfach wie in der Einrichtung
seiner Wohnung war er in seinem tag-
lichen Nahrung; diese bestand aus
einem einzigen Gerichte, das ihm sein
Diener zubereitete, Vermögen besaß er
keines, obwohl er bei seiner mäßigen
zurückgezogenen Lebensweise und bei sei»
ner Gesuchtheit ein nicht unbedeutendes
hatte erwerben können; Alles aber, was
er erwarb und was ihm nach Befried!»
gung semer wenigen Lebensbedürfnisse
übrig blieb, verwendete er auf die Aus»
arbeitung seiner Köpfe, denen ein eben
nicht beneidenswerthes 3oS ^siehe weiter
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Maroevic-Meszlenn, Volume 17
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Maroevic-Meszlenn
- Volume
- 17
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1867
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 506
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon