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Paradis 287 Hiaradis
stelle befördert, nach deren Auflösung in
gleicher Eigenschaft zur böhmischen und
österreichischen Hofkanzlei übersetzt und
1786 zum Regierungsrathe ernannt.
P. hat Kornbeck's „Neinoirs 8nr
uno 6.600 uverw intöröLLante ponr
1a oouLSi'vatiou des VÄiLLSau^", wo»
von 1771 eine zweite Auflage, erschien,
übersetzt. — Die Tochter des Vorge«
nannten ist die nachmals so berühmt
gewordene Mar ia Theresia von Pa«
radis, welche von der Kaiserin Mar ia
Theresia auS der Taufe gehoben
wurde. Im Altcr von kaum drei Jahren
wurde sie durch einen gichtischen Schlag«
fluß, nach Anderen in Folge eines plötz«
lichen Schreckes, gänzlich des Augen«'
lichtes beraubt. Das Innenleben des
Kindes wendete sich der Musik zu, für
welche es, geweckt durch den Besuch der
Kirchen, ganz besondere Neigung an den
Tag legte, so daß die darüber aufmerk-
sam gewordenen Eltern das blinde Kind
im Gesänge und im Clavier unterrichten
ließen. Die Fortschritte Theresens
waren überraschend; in wenigen Jahren
schon — sie zahlte 11 Jahre — spielte
sie in der Augustinerkirche in Gegenwart
ihrer Taufpathin, der Kaiserin, Pergo«
lese's nät2.da.t m^tor" auf der Orgel
und sang auch den ganzen Part mit ihrer
lieblichen Sopranstimme. Die Kaiserin,
entzückt über Spiel und Gesang, setzte
ihrer armen blinden Paihe einen Jahr»
gehalt von 200 fl. aus. Nun wurde für
die künstlerische Ausbildung Theresens
von Seite der Eltern nichts, was die-
selbe fördern und steigern konnte, unter«
lassen. Unter Kozeluch's <M. XI I I ,
S. 92^> Leitung entfaltete sich Theresens
schönes Talent immer mehr und mehr. Als
sie eben 18 Jahre alt war, machte M e s»
m er mit seinenCuren durch animalischen
Magnetismus in Wien großes Aufsehen. Die Eltern, auf Heilung ihrer Tochter
hoffend, gaben Theresen in Mes-
mer's Behandlung. j^Siehe das Nähere
Bd. XVII , S. 427 u. 428, im biogra«
phischen Artikel über MeSmer.^ Diese
Krankheitsgeschichte Theresens und der
MeSmerischen Heilungsversuche bewegten
damals ganz Wien, und als Therese
trotz aller angewandten Mittel blind ge«
blieben war wie vordem, fehlte es natür«
lich nicht an den heftigsten Angriffen auf
Mes mer, welche von seinen Wider«
sachern auch gehörig ausgebeutet wurden.
Nackdem diese Episode in Thereseus
Leben glücklich vorüber war, setzte sie
ihre musikalische Ausbildung fleißig fort,
und im Jahre 1784 unternahm sie in
Begleitung ihrer Mutter die erste Kunst'
reise zunächst nach Deutschland und der
Schweiz, wo sie in den größeren Städten
sich hören ließ und große Erfolge feierte.
Im Sommer 1763 ging sie nach Paris,
wo sie vor dem Könige spielte und nach
fünfmonatlichem Aufenthalte in der
Seinestadt nach London, wo sie bei Hof
die liebevollste Aufnahme fand und der
Prin; von Wales selbst ihre Vortrage
mit dem Violoncell. begleitete. Aber auch
sonst war ihre Aufnahme daselbst eine
enthusiastische. Da ihr daü Klima nickt
zusagte, verließ sie im Frühjahre 1786
England und begab sich zunächst nach
Brüssel, wo ihr eine nicht minder aus«
gezeichnete Aufnahme zu Theil wurde.
Von Brüssel kehrte sie nach Wien zurück,
begründete daselbst eine musikalische Bil«
dungsanstalt, an der sie selbst als Lehre«
rin nach ihrer eigenen trefflichen Methode
unterrichtete und tüchtige Schülerinen
bildete. Aber nicht bloß in der Musik
war Therese ausgebildet, sie besaß
auch gute Kenntnisse in der Geographie,
verstand vortrefflich zu rechnen, spielte,
obgleich blind, die meisten Kartenspiele,
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
O'Donnel-Perényi, Volume 21
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- O'Donnel-Perényi
- Volume
- 21
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1870
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 542
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon