Page - 349 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - O'Donnel-Perényi, Volume 21
Image of the Page - 349 -
Text of the Page - 349 -
349 Patikärus
überragt weit an Technik des Spiels
und in Vortragsweise Ferkä. Von
Ferko behauptet die Fachkritik, daß er
im vollendeten Vortrage der im Geiste
Bihary's M . I I , S. 394^. öer>
mak's M . I I , S. 36), Lavotta's
^Bd. XIV, S. 231 j^. Rozsavölgyi's.
Svastics' u. A. componirten alten
classischen ungarischen Weisen, der
schwungvollen sogenannten Palota's und
dcr Cftrdase aus der Donaugegend sei«
nes Gleichen nicht findet. Das Spiel
Ferko's zeichnet sich durch originelle
Eigenthümlichkeit, edle Einfachheit, durch
zum Herzen sprechenden Zauber und
durch Erhabenheit aus; seine Technik ist
regelmäßig, rein, leicht, sicber und siegt
über die größten Schwierigkeiten, ohne
gesucht und schnörkelhaft zu sein; am
bewundernswerthesten sind seine Ueber-
gange von den tiefsten zu den höchsten
Tönen. Sein ernstes Spiel ist von der
mit dem ungarischen Charakter so sehr
harmonircnden Melancholie und herz-
ergreifenden Wehmuth durchgeistert —
die Violine weint in seinen Händen, und
erzahlt von hohen Gedankenflügen und
tiefen Gefühlen; dann scheint er in feine
innerste Well. versunken und an seinem
begeisterten Aeußern sieht man, daß sein
Spiel aus dem Herzen kommt; in solchen
Augenblicken drückt er die Violine inni-
ger, an die Brust, als wäre sie in feinem
Herzen festgewurzelt. Das ist der Mo-
ment der Begeisterung, der er sich nur
zuweilen, nur im vertrauten Freundes«
kreise Hingidt, nie aber, wenn er vor
großem Publicum spielt. Die heiteren
Comvositionen versteht er sehr gemüth-
lich, zart und mit eigenthümlicher Laune
zu spielen, und damals ist sein Spiel mit
schmelzendem Liebesgeflüfter, mit dem
geisterhaften Piano vorzüglicher Sänger
zu vergleichen. Ferkö ist mehr repro» ductiv, als productiv, seine Laufbahn ist
die eines trefflichen Schauspielers, mit
dessen Production auch seine Kunst zu
Grabe geht. Selbst an Franz 3iszt ging
die Spielweise Ferko's nicht ohne tiefe
Einwirkung vorüber, wenigstens erzahlt
Czeke in seinem in den Quellen ge>
nannten Aufsahe von einer Scene zwi«
schen LiSzt und Pat ikarus. welche
für die Bedeutung dieses genialen Gei<
gers Zeugniß gibt. Ferko Pat ikärus
mag jetzt im schönsten Mannesalter ste»
hen, denn zur Zeit, als Rozsavölgyi
die Brüder nach Pesth (1843) brachte. be>
fand sich Ferko, damals ein Knabe, noch
nicht bei ihnen, nur zuweilen kam er vom
Lande auf Besuch in die Stadt. Spater,
als sich sein Genius ganz entfaltete,
unterordneten sich die. obgleich älteren
Brüder seiner Leitung und seither steht
er an der Spitze der Capclle. Leider ist
Pa tikä.rus immer kranklich; die ungari«
schen Poeten Franz CzHszär, Lißnyai
und Coloman Toth haben diesen merk«
würdigen Geiger in besonderen Liedern
und insbesondere die beiden letzteren in,
schwunghafter Weise besungen. Ueber-
setzungen dieser Gedichte enthalten der
in den Quellen angeführte „Ungarische
Lloyd" 1833, Nr. 224. und die „Zeit-
bilder" (Pesth 1861, Nr. 6, S. 88. Noch
ist vielleicht die Bemerkung nicht unwe-
sentlich und unintereffant, daß die Gesell«
fchaft außer ungarischen Stücken nichts
vollkommen zu spielen vermag, in diesen
aber ihre ursprüngliche Originalität voll«
kommen bewahrt. Auch hat sie ihre
eigene patriarchalische Verfassung, an
welcher sie treu hält. Bezüglich deS eigen«
thümlichen Namens dieser vier Zigeuner«
brüder sei bemerkt, daß Pat ikarus
m der ungarischen Sprache so viel als
Apotheker bedeute. — Von Ferkö's
Bruder Kar l , dem berühmten Csar-
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
O'Donnel-Perényi, Volume 21
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- O'Donnel-Perényi
- Volume
- 21
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1870
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 542
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon