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Naimund 268 Naimund
nicht wieder. Dieß geschah zu Anfang
des Jahres 1808, Raimund zählte
damals 18 Jahre. Sein nächster Weg
war nach Meidling, einer in Wiens
unmittelbarer Nahe bei dem kaiserlichen
Lustschlosse Schönbrunn gelegenen Ort-
schaft, in welcher seit Jahren wandernde
Gesellschaften Comodie spielten. Der
damalige Director dieser „Schmiere" hieß
Kralitschek, ihm stellte sich Raimund
vor und sprach ihm seinen Wunsch,
Schauspieler zu werden, aus. Nur besaß
R. in Folge eines organischen Fehlers eine
mangelhafte Aussprache, die er freilich
später durch eine an Demosthenes erin-
nernde Beharrlichkeit zu bewältigen ver-
standen hatte. Als ihn nunKralitschek
eine Scene spielen ließ, fiel der Versuch so
wenig zu seinen Gunsten aus, daß er ihn
für unfähig erklärte und fortschickte.
Durch diesen unglücklichen Ausgang
seines eisten Debüt ließ sich aber R. nichts
weniger als einschüchtern, er begab sich
nach Preßburg, wo ihn der Dicector
Kunz sogar auftreten ließ. Raimund
wählte die Rolle des Onuphr ius im
„Politischen Zinngießer" und — fiel
durch. Es war also von einem Enga-
gement keine Rede. Gr wanderte nun
weiter und erreichte unter Kümmernissen
und Entbehrungen aller Art Stein am
Anger, wo er glücklicher Weise bei der
Hain'schen Gesellschaft aufgenommen
wurde. Er spielte dort alle möglichen
Rollen, sogar in der Pantomime den
Pierot. Während er nun dort den
ganzen Jammer seines selbstgewählten
Berufes von der häßlichsten Seite kennen
lernte, begann sich aber auch bei der
vielseitigen und steten Beschäftigung sein
Darstellungstalent zu entwickeln, und
dieß mochte er denn wohl fühlen, da
er. als 1809 die H ainsche Gesellschaft
sich auflöste, dennoch bei der Bühne blieb und wieder nach Oedenburg zurückkehrte,
wo noch immer Kunz dirigirte und auf
zwei Bühnen, auf jener zu Oedenburg
und dann zu Rnab abwechselnd Vorstel-'
lungm gab. Kun; nahm nun den bereits
besser geschulten Raimund in seine
Truppe auf, und M. spielte besonders in
den Rollen von Intriguants und komi-
schen Alten mit glücklichem Erfolge. Vier
volle Jahre wirkte R. bei dieser Truppe,
nun wurde er im Iadre 1813 in Wien
im Theater in der Iosephstadt engagirt
und gefiel in seinen ersten Antrittsrollen
als Pachter Geldkümmel und
Franz Moor, ohne jedoch besonderes
Aufsehen zu erregen. Bald aber verstand er
fein Tnlent zur Geltung zu bringen und er»
wirkte in einigen Possen von Gle! ch durch
seine Komik und die Natürlichkeit seines
Spieles die allgemeine Aufmerksamkeit.
Namentlich waren es die Rollen des Doo
to i Kramperl, noch mehr aber jene des
liederlichen Geigers Adam Kratz erl
in Gleich's Poffe „Die Musikanten am
hohen Markt", in welchen Raimund
durch seine ausgezeichnete Darstellung
solche Beliebtheit erlangte, daß zu letzte»
rem Stücke nicht weniger denn vier Fort»
setzungen geschrieben wurden. Eeine Be-
liebtheit nahm nun so zu, daß er schon im
Jahre 1818 die Einladung zu einem
Gastspiele im Leopoldstädter Theater
erhielt, wo er zum ersten Male als
Pr inz Schnudi in der gleichnamigen
Posse auftrat. Im Jahre 1817 gastirte
er im Theater an der Wien als Schnee-
weiß in den „Modethorheiten" und trat
noch im nämlichen Jahre als ordentliches
Mitglied bei dem Leopoldstädter Theater
ein. Hier wurde er gleich in der ersten
RollealSWeißuogelinGleich's Posse
„Weißvogel's Witweistand", einer Nach-
bildung des alten Lustspiels „Die vei>
storbene Ehefrau" von Bretzner, der
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon