Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lexika
Wurzbach-Lexikon
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Prokop-Raschdorf, Volume 24
Page - 272 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 272 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Prokop-Raschdorf, Volume 24

Image of the Page - 272 -

Image of the Page - 272 - in Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Prokop-Raschdorf, Volume 24

Text of the Page - 272 -

Naimund 272 NllMUNd lichteit, deren sie fähin ist, " 's glänzendste Licht sehte. Diese Gemüthlichkeit liegt im österreichischen Charakter. Man findet sie in den Kuhreigen auf dcn Gebirgen, wie in der Wenzel MüIIer'schcn Musik, beim Volk ' ganz so wie im Volkstheater der Leopoldstadt. Nur daß auf diesem Theater der Spaß übcr> wiegt, und das Rührende selten durch das Burlesk,' durchbrachen konnte, Naimund hat nun das Rührende (ohne alle Prätension) auf so natürliche Weis? mit dem Lustigen verbunden, daß kaum Englands Bühne einen so wohl gelungenen Humor ausweisen kann. Das Publicum hat dieß auch gefühlt; daher sind die besten Stücke von Raimund uon Wien auch auf andere Bühne» üdergewan» d?ct, obgleich dadurch viel von dem Reiz der Localtöne verloren ging Indem die Zauber« und Feenwelt, das Reich der ungebundensten Phantasie- mit der Alltäglichkeit des gemei- nen Lebens bunt vermischt wird, muß das gemeine Leben auch so local, so bestimmt als möglich ausgeprägt, so eng als möglich begrenzt sein. Allgemeine Menschen, modern Gebildete würden bei weitem nicht so gut mit jener Geisterwelt contra stiren, alü es Bürger und Bauern thun, die in eine»! bc> uon Gewöhnungen sich bewegen. Nur aus diesem Grunde hat schon Aristophanes Localsitten und Sprache mit Phantasterei contrastirt; die italienischen Maske» und Gozzi sind demselben Gesetz gefolgt, und das Leopoldstadter Theater hat nur aus derselben Ursache so uiel Glück gemacht. Hermann Mennect schreibt über Rai> mund's Dichtungen- „Vei all' den Fehlern, an welchen seine Stücke mehr oder weniger kränkeln, ist ihnen Wih, ja echte Poesie, vor Ällrni aber Originalität nicht abzusprechen, Auf wunderbare Weise versteht er das Ge- wohnliche, Alltägliche und Natürliche mit dem Uebcrsinnlichen und Fabelmäßigen, das Niedrig'Komische mit dem Pathetischen und Großartigen, das Lächerliche, Läppische mit dem Hochtragischcn, und das antike Märchen» hafte mit dem Reinmodernen und der com, pactesten Wirklichkeit zn verschmelzen. Seine Stücke bilden, von diesen, verschiedenen Kehr» leiten aus betrachtet, eine unwillkürliche Ironie ihrer selbst: sie erzählen es gleichsam offen und unbefangen, daß sie uns belügen wollen, und während andere Dramatiker das Natürliche dem Wunderbaren nahe zu brin» gen und dic Körperwelt zu vergeistigen stre ben, strebt Naimund umgekehrt, das Nun< derbare dem Natürlichen anzunähein und das Geistige grob zu verkörpern, kurz, gleich einem dramatischen Thomasius, das Ueber» sinnliche auf die Sinnenwelt zurückzuleiten, es zu entlarven, ihm das Gespenstergewand der dichterischen Fabel abzureißen. Er friuo. lisirt Alles, das Entschiich? wie das Grha. beue. Die begeisterndste Tugendgröße leitet er durch neckische Proben. Die Schreckens, gestalten der Menschheil, die Popanze des Lebens, Schicksal und 3vo, müssen sich bei Naimund ebenfalls in intime Gesellschaft mit den! Burlesken, niedrig Abenteuerlichen bequemen, die Nähe des Possenhaften wirft auch auf sie einen lustigen Abglanz; man kann sie nicht mehr fürchten, weil man über sie hat lachen müssen. Kr stellt die Schreck, nisse der Menschenwelt in ihrem fröhlichen Stündchen dar, und selbst den unbändigsten Ideen, Lasier, Vernichtun, u, a, m. lauscht er eine schwache Seile ab." Auch Julius Soidlitz schreibt mehrere« Tressliche über Raimund. „Er war", heißt es in seinem Buche, ,,keines jcner verzärtelten Dichtergemü!her,welchcdie Wirklichkeit fürchten und in Idealen schwärmen; zum Volke stieg er herab, denn zu ihm wollte er sprechen, Daß UM die reichgeschmückten Säle nichts galten, bewies er dadurch, daß cr auch nicht einmal die reine göttliche Freude im Palaste woh- nen ließ. Wic Jean Pau l war er der Dich» tcr der Arme», an die Hütte klopfte er an, an die stille Wohnung des Glückes, und hier öffnete er seine Brust und streute die Gold» perlen der Poesie mit verschwenderischer Hand. Er weinte mit dem Weinenden und lachie mit dem Fröhlichen, seine Brust umfaßte die volle Tonleiter der menschliche» Gefühle, und Lust und Schmerz uno Wonne und Trauer klangen melodisch daraus zurück. Cr war der Nichter seiner Zeit, denn keiner hat mit so strenger, so unerbittlicher Hand die goldenen Gewänder zerrisse», worunter die Zeit ihre Laster versteckt, und hervor hat er die Zittern« dcn gerissen, sie dem Volke gezeigt in ihrer Blöße, Nacktheit, Niedrigkeit, Doch auch ein milder Arzt war er, und war es auch nur ein Mittel, durch das er wirkte, so war die» ses doch allmächtig, denn keiner wie er ver» stand es so dem Volke zu bereiten. Und fragt ihr mich, was dieser Zaubertrant gewesen, welche Kräuter er dazu gesammelt, wo cr sie gefunden, wie er ihn bereitet? so war ei der Humor, mit dem er wundertbätig wirkte, so
back to the  book Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich - Prokop-Raschdorf, Volume 24"
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich Prokop-Raschdorf, Volume 24
Title
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Subtitle
Prokop-Raschdorf
Volume
24
Author
Constant von Wurzbach
Publisher
Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
Location
Wien
Date
1872
Language
German
License
PD
Size
13.41 x 21.45 cm
Pages
450
Keywords
Biographien, Lebensskizzen
Categories
Lexika Wurzbach-Lexikon
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich