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Ncmnund 273 Nninuind
war ei die Verkehrtheit der Zeit, die den
Humor gebar, die Masse des Nolkel, wo
er ihn gefunden, sein scharfer Blick, mit dem
er ihn bereitet.
j Raimund'« Charakteristik al« Schauspieler.
Als Schauspieler meint man, sei Raimund
denselben Wen gegangen wie als Dichter;
auü eine»! glücklichen Voltskomiker habe er
et,vas Künstlerisches werden wollen, und
dadurch die unbewußte Gabe, Alles durch
seine Komik zu fesseln, zum Theil eingebüßt.
Diese Ansicht mag richtig sein, und die Zust,
ein Iffland zu werden, mag R, veranlaßt
haben, manche angeborene Richtung nicht zu
verfolge n; nichtsdestoweniger war er noch wie
er fich auf seiner Reise durch Norddeutsch^
land zeigte, einer der vorzüglichsten, wo
nicht der erste unter den lebenden Komikern.
R. war ein Schauspieler von nicht besonders
vorteilhafter Theaterfigur, aber auch nicht
von einer so possierlichen, taß sie von selbst
zum Lachen aufforderte; ihm ging eine klang»
reiche Stimme ab, er kämpfte mit Buchstaben,
die Vuffobonhomie, die Freundlichkeit, di?
zuweilen auf den ersten Vlick gewinnt, ginge»
ihm c>b, kurz, ihm fehlt die angeborenen komi-
sche Kraft, wie sie die Natur zuweilen schafft,
man weiß nicht woraus; er hatte auch nicht
oie Volubilität der Zunge und die Impromp-
tulaune, durch welche die Komiker von sonst
ihr Publicum sich eroberten. Dafür wußte er
aber mit künstlerischer Oekonomie und künst»
lerischem Geiste, was er hatte, desto besser zu
benutzen, die gutmüthig klugen Augen, seinen
gewandten, ihm ganz dienstbaren Körper;
immer mehr arbeitete sich im Verfolg seiner
Äiolle der Geist aus der unscheinbaren Hülle
heraus, immer deutlicher wurde die Lharakte»
Tistik, immer sprechender die Wahrheit, immer
wärmer die Sprache, immer lebendiger das
Mienenspiel. Muten im hellsten Scherze wußte
-er zu rühren. Andern Komikern ist der Spaß
Spaß, ihm war er Ernst, und in jeder seiner,
freilich geringen Anzahl von Rollen, ging der
ganze Mensch auf. Seine uorzüglichste tragi.
sche Partie war der zum Greise plötzlich ge>
wordene Millionärbauer; man kann sagen,
ein Stein mußte geführt werden, wenn der
zittemde Aschenmann sein Lied vorlrug. Die>
ser tragische Grundton wird bei schärferer
Beobachtung sich vielleicht in allen seinen
Darstellungen nachweisenlassen. R. war durch«
aus ernst als Schauspieler wie als Dichter,
<r war nie eigentlich ausgelassen; wo er eö
schien, trennte nur eine dünne Florwand den
U, NurZbach, biugr. Lerikon. XXIV. Wedr Humor von der Aussicht auf das Ende aller
Dinge, oon denen der Humor eines ist.
„Meynert schreibt übcr Ra imund, den
Schauspieler- „Als darstellender Künstler ist
Raimund mchr ein wahrhafter und geüb-
tcr Maler menschlicher Launen als mmschli'
cher Leidenschaft, zu nennen. Er ergreift jede»
Charakter in seinen bezeichnendsten Momenten,
denn komische und ernste Natur steht ihm
gleich sehr zu Gebote; indeß ist er weit mel'r
mimischer Humorist als Komiker. Dcn Gluth.
Hahn in seinem Z'überspiele: Moisasur'ö
Zauberfluch, zähle ich zu seinen gelungensten
Leistungen, Diese Wahrheit in Ton und Ge.
bcrde, dieses schlangenähnliche Winden der
Rede in niedern und plumpen Worten, die»
ser gewandte Geist in dem schwerfälligen
Leibe eines ergrauten Vauern, dies alles war
von ihm berücksichtigt, und alles wußte er
auf das Trenesse darzustellen," Einer brief»
lichen Mittheilung Wen n e r t'ö entnehme ich
noch folgende, Rciimund'ü eigenthümliche
Spielweise treffrnd charakterisirende Stellen,
Meynert schreibt- „Ich sah ihn später in
der Rolle des „Verschwenders" und wüßte
mich auf nichts Trefflicheres in dieser Art
zu besinnen. Die Scene, in welcher er seinen
verarmten früheren Gebieter wieder findet und,
um dl'm vermeinten Vettlrr ein Almosen zu
reichen, in die Tasche greift, dann aber, ihn
plötzlich wieder erkennend, nicht weiß. wie er,
ohne daß sein einstiger Herr es wahrnehme,
die Hand wieder aus der Tasche herllu«diin<
gen soll, bleibt mir unvergeßlich; e3 waren
da so viele klcine Momente der rührendsten
Wahrheit in einen einzigen Moment hinein,
gedrängt, daß es sich nicht schildern läßt. Im
ausdrucksvollen Mienen», im beredten Geber
dcnspü'le war Raimund ein vielleicht uu>
übertroffener Meister, Auch sein schwaches
Organ brachte durch die eigenthümlichsten
Modulationen, bald durch drastisches Betonen,
dald durch Abbrechen und halbes Verschlucken
der Saß'Cnden merkwürdige Effecte hervor.
Wie ärmlich stehen seine Nachahmer da!"
Eine geistvolle und treffliche Charakteri-
stik Raimund's als Schauspieler gibt auch
Oettinger, „Raimund, schreibt er, ist
originell und genial. In ihm findet man alle
drei Grade, der Laune: den Positiv: Joviali-
tät, den Comparativ: komische Kraft, und
den Superlativ- Humor vereinigt. Seine
Jovialität, seine komische Kraft, sein Humor ist
aber eingehüllt in Herzlichkeit, Gemüthlich'
keit und Sentimentalität, und dies? Herzlich»
,2l!, Juni!8'3.1 . l3
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon